Yosef ist tot. Ein Junge, mutmaßlich zwölf Jahre alt, hat ihn getötet. Diese Tatsache steht nun im Raum – endgültig, unwiderruflich. Und sie lässt eine Gesellschaft fassungslos zurück: Ein Kind hat ein anderes Kind getötet.
Nach deutschem Recht ist ein Zwölfjähriger nicht strafmündig, er kann nicht vor Gericht gestellt, nicht verurteilt werden. Und doch: Die Schuld, die Tat – sie sind da. Und sie werden nicht einfach verschwinden, weder für die Familie des Opfers, noch für den Jungen, der sie begangen hat.
Was bedeutet ein solches Leben, das mit zwölf bereits den Stempel „Mörder“ trägt?
Ein Umzug wird vielleicht nötig sein, vielleicht sogar mehrere. Neue Schule, neue Nachbarschaft. Aber Gerüchte reisen schnell, und irgendwann wird jemand fragen, warum dieser Junge keinen Namen nennen will, warum er schweigt, warum er nie Freunde mit nach Hause bringt. Und dann wird das Wort fallen, das ihn wohl ein Leben lang begleiten wird: „Er ist der, der getötet hat.“
Was nun zählt, ist Begleitung, nicht Ausgrenzung. Schutz, nicht Stigma. Denn wenn man diesen Jungen jetzt fallen lässt – aus Angst, aus Wut, aus Hilflosigkeit – dann droht er, erneut zu verlieren: Seine Chancen. Seine Zukunft. Sich selbst.
Das bedeutet nicht, die Tat zu vergessen. Aber es heißt, die Verantwortung zu erkennen, die Gesellschaft auch gegenüber Tätern trägt, wenn sie selbst noch Kinder sind.
Yosef kann man nicht zurückholen. Doch vielleicht lässt sich verhindern, dass noch mehr Leben zerbrechen.
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