Am 18. Oktober ist Weltmenopausetag – ein Datum, das seit mehr als vier Jahrzehnten daran erinnert, dass Frauen in den Wechseljahren noch immer unterversorgt, unterschätzt und oft übersehen werden. Die Zeit des Schweigens scheint zwar vorbei, doch der Weg zu einer flächendeckend gerechten medizinischen Behandlung ist weit.
Während die öffentliche Debatte dank Medien, Aktivistinnen und Ärztinnen an Fahrt aufnimmt, hinkt das Gesundheitssystem hinterher. Frauen in dieser Lebensphase erleben häufig, dass ihre Beschwerden nicht ernst genommen oder pauschal als „natürlich“ abgetan werden.
Die Journalistin Katrin Simonsen, die den MDR-Podcast Hormongesteuert produziert, sagt:
„Die Wechseljahre wurden jahrzehntelang als unvermeidliches Schicksal betrachtet. In der männlich dominierten Medizin war für weibliche Hormonveränderungen schlicht kein Platz.“
Neues Selbstbewusstsein: Frauen fordern Aufklärung und Therapie
Doch etwas hat sich verändert. Immer mehr Frauen beginnen, über ihre Erfahrungen offen zu sprechen – ob in Talkshows, Podcasts oder in sozialen Medien. Die Bewegung #WirSind9Millionen, initiiert von der Autorin Miriam Stein, steht stellvertretend für dieses neue Selbstbewusstsein.
Neun Millionen Frauen in Deutschland befinden sich aktuell in den Wechseljahren – und viele von ihnen wollen sich nicht länger mit Schweigen und Unwissen abfinden. Sie fordern Aufklärung, Zugang zu modernen Behandlungen und eine Anerkennung der Wechseljahre als ernstzunehmende gesundheitliche Lebensphase.
„Das Schweigen hat Generationen geprägt“, so Stein. „Wir wollen, dass die nächste Generation besser informiert und medizinisch begleitet wird.“
Medizinische Realität: Zu wenig Zeit, zu wenig Wissen
Hinter dem Bewusstseinswandel steht eine ernüchternde medizinische Realität.
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Wechseljahre und Hormontherapien kommen in der Ausbildung vieler Ärztinnen und Ärzte überhaupt nicht vor.
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Für die Beratung von Patientinnen erhalten Gynäkologinnen nur 16,89 Euro pro Quartal – das entspricht etwa sieben Minuten Sprechzeit.
Sieben Minuten, um komplexe hormonelle Veränderungen, individuelle Risiken und mögliche Therapien zu erklären – das ist schlicht nicht machbar. Viele Frauen werden deshalb fehlberaten oder gar nicht beraten, greifen zu Selbstmedikation oder wenden sich dem Internet zu, wo sie auf teils fragwürdige Empfehlungen stoßen.
Bayern plant Modellprojekt – doch bundesweit fehlt Bewegung
Politisch tut sich langsam etwas: Bayern hat angekündigt, ein Modellprojekt zur besseren Vergütung von Wechseljahresberatungen zu starten. Ärztinnen und Ärzte sollen künftig mehr Zeit und Anreiz erhalten, um Frauen individuell zu beraten.
In Sachsen und Sachsen-Anhalt dagegen sieht man keinen akuten Handlungsbedarf – eine Haltung, die Expertinnen wie Katrin Simonsen kritisieren.
„Es kann nicht sein, dass die medizinische Versorgung einer Frau vom Bundesland abhängt. Wir brauchen bundesweite Leitlinien und verpflichtende Ausbildungsthemen.“
Zwischen Hormonen, Emotionen und Karriere
Die Wechseljahre sind nicht nur ein gesundheitliches, sondern auch ein gesellschaftliches Thema. Viele Frauen stehen mitten im Berufsleben, tragen Verantwortung, führen Teams – und kämpfen gleichzeitig mit Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen oder Stimmungsschwankungen.
Trotzdem gibt es kaum Aufklärung in Unternehmen oder im Arbeitsrecht. In Großbritannien beispielsweise wird über einen gesetzlichen Anspruch auf Unterstützungsmaßnahmen am Arbeitsplatz diskutiert – in Deutschland ist das bislang kein Thema.
Wechseljahre dürfen kein Tabu bleiben
Der Weltmenopausetag erinnert daran, dass Millionen Frauen durch diese Lebensphase gehen – und dass sie Anspruch auf medizinische Kompetenz, Zeit und Respekt haben.
Simonsen bringt es auf den Punkt:
„Wir Frauen sind gute Aushalterinnen – aber das darf nicht länger die Erwartung sein.“
Es braucht mehr Forschung, mehr Aufklärung und endlich eine ehrliche, moderne Medizin für Frauen, die nicht zwischen Hormonchaos und gesellschaftlicher Unsichtbarkeit stecken bleiben.
Fazit
Die Wechseljahre sind weder Krankheit noch Randthema – sie sind Teil des weiblichen Lebens. Doch solange sie in der Medizin, in der Politik und im Arbeitsleben keine Priorität haben, bleibt der Weltmenopausetag ein Mahnmal:
Für mehr Sichtbarkeit, mehr Verständnis und mehr Zeit für die Frauengesundheit.
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