Was als medizinisches Rätsel begann, endete in einem der schockierendsten Fälle von „Fertility Fraud“ in den USA: Eine DNA-Analyse brachte ans Licht, dass ein renommierter Arzt jahrzehntelang heimlich seine eigenen Samenspenden bei Patientinnen verwendet hatte – ohne deren Wissen oder Einverständnis.
Der Fall Summer McKesson
Die 43-jährige Summer McKesson litt jahrelang an schweren Blutgerinnseln und musste mehrfach am Herzen operiert werden. Ärzte diagnostizierten schließlich das Marfan-Syndrom, eine seltene genetische Bindegewebserkrankung. Doch in ihrer Familie war die Krankheit unbekannt.
Aus Neugier und Hoffnung auf medizinische Antworten ließ McKesson 2023 über den Genetikdienst 23andMe ihre DNA analysieren – und stieß dabei auf sieben Halbgeschwister. Alle Hinweise führten zu einem Namen: Dr. Charles Henry Peete, einem ehemaligen Gynäkologen der Duke University in North Carolina.
Jahrzehntelange Täuschung
Peete hatte in den 1970er- und 1980er-Jahren als Fertilitätsspezialist gearbeitet und Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch zu Nachwuchs verholfen. Wie sich nun zeigt, verwendete er bei mehreren Behandlungen nicht die versprochenen anonymen Samenspenden, sondern seine eigene.
Die Betroffenen erfuhren davon erst Jahrzehnte später – durch DNA-Datenbanken, die plötzlich genetische Übereinstimmungen anzeigten. Eine betroffene Mutter sagte rückblickend:
„Ich habe erst später begriffen, dass das, was passiert ist, ein medizinischer Übergriff war. Es fühlt sich an wie eine Form von Vergewaltigung.“
Aufgedeckt durch Konsumenten-DNA-Tests
Fälle wie dieser häufen sich seit dem Aufkommen von kommerziellen DNA-Diensten. Schon in den 1980er-Jahren war der Arzt Cecil Jacobson für ähnliche Taten verurteilt worden. Doch Peete, der 2013 im Alter von 89 Jahren starb, wurde zu Lebzeiten nie zur Rechenschaft gezogen.
Seine Kinder aus den heimlichen Eingriffen – bisher mindestens zwölf bekannte Nachkommen – haben sich inzwischen über DNA-Plattformen gefunden. Einige von ihnen kämpfen selbst mit genetischen Erkrankungen.
Ethik und rechtliche Grauzone
Das Vorgehen gilt heute eindeutig als medizinischer Betrug und Verstoß gegen die ärztliche Schweigepflicht. Doch in den USA existieren nur in 14 Bundesstaaten explizite Gesetze gegen sogenannte „Fertility Fraud“. North Carolina, wo Peete praktizierte, gehört nicht dazu.
Die Duke University, an der Peete arbeitete, erklärte gegenüber CNN, man habe seine Handlungen aus den 1970er- und 1980er-Jahren als „inakzeptabel“ eingestuft und ein internes Ethikprogramm gestartet.
Doch für die Betroffenen bleibt das unzureichend. McKesson sagt:
„Ich bin das Produkt eines medizinischen Verbrechens. Ich wollte nur Antworten – und fand heraus, dass mein Leben auf einer Lüge basiert.“
Eine offene Wunde
Da Peete verstorben ist und die Rechtslage unklar bleibt, sehen die Opfer kaum Chancen auf Entschädigung. Für McKesson aber ist der Fall mehr als ein ethisches Vergehen – er ist eine Frage von Leben und Tod.
Sie fordert Zugang zu den medizinischen Unterlagen ihres biologischen Vaters, um ihre eigene Gesundheit besser einschätzen zu können.
„Die Betroffenen haben ein Recht, die Wahrheit zu erfahren – und zu wissen, welche Krankheiten in ihrer Familie existieren könnten,“ so McKesson.
Hintergrund:
Der Begriff Fertility Fraud beschreibt Fälle, in denen Reproduktionsmediziner ihre Patienten bewusst über die Herkunft von Spendersamen oder Eizellen täuschen. Durch die Verfügbarkeit von DNA-Tests wie 23andMe oder AncestryDNA werden immer mehr solcher Fälle publik – meist Jahrzehnte nach den Taten.
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