Die ersten Tage mit einem Neugeborenen gelten als eine der intensivsten Phasen im Leben frischgebackener Eltern – voller Glück, aber auch Unsicherheit, Erschöpfung und Fragen. In den Niederlanden jedoch müssen Familien diese Zeit nicht allein bewältigen. Dort haben alle Eltern einen gesetzlichen Anspruch auf sogenannte „Kraamzorg“ – eine einzigartige Form der häuslichen Wochenbettbetreuung.
Unterstützung von Anfang an
Kurz nach der Geburt kommt eine speziell ausgebildete Fachkraft, die Kraamverzorgende, ins Haus. Bis zu acht Tage lang begleitet sie die Familie – insgesamt zwischen 24 und 80 Stunden. Die Betreuung wird größtenteils von der Krankenversicherung übernommen, lediglich ein geringer Eigenanteil kann anfallen.
Die Aufgaben sind vielfältig: Die Fachkraft kontrolliert die Gesundheit von Mutter und Kind, unterstützt beim Stillen, überprüft Nähte nach einem Dammriss oder Kaiserschnitt, achtet auf Anzeichen von Gelbsucht beim Baby und beobachtet die Gewichtsentwicklung. Gleichzeitig hilft sie im Haushalt, wechselt Bettwäsche, wäscht Kleidung, bereitet Tee zu oder kümmert sich um Geschwisterkinder.
„Wir sorgen dafür, dass aus dem anfänglichen Chaos Ruhe entsteht“, sagt Wendy Olieman, die für eine niederländische Betreuungsorganisation arbeitet. „Wir sind die Augen und Ohren der Hebammen und erkennen Probleme frühzeitig.“
Sicherheit in einer verletzlichen Phase
Gerade in der sensiblen Zeit nach der Geburt fühlen sich viele Mütter überfordert. Körperliche Beschwerden werden oft verdrängt, weil der Fokus ganz auf dem Baby liegt. Eine geschulte Betreuungsperson kann früh eingreifen, bevor aus kleinen Problemen größere gesundheitliche Risiken werden.
Medizinerin Frouke Engelaer berichtet, wie beruhigend es war, nach starkem Blutverlust regelmäßig medizinisch betreut zu werden. Auch andere Mütter schildern, wie wichtig es war, jederzeit Fragen stellen zu können – von der richtigen Stilltechnik bis zum sicheren Schlafplatz für das Baby.
Die Betreuung kann sogar lebensrettend sein: In einem Fall erkannte eine Kraamverzorgende rechtzeitig eine ernste gesundheitliche Komplikation bei einer Mutter und alarmierte den Notdienst.
Mehr als medizinische Hilfe
Kraamverzorgenden übernehmen nicht nur medizinische Aufgaben. Sie schaffen Raum für Erholung und stärken das Selbstvertrauen der Eltern. Studien zeigen, dass diese Betreuung das sogenannte „Parenting Self-Efficacy“-Gefühl erhöht – Eltern fühlen sich kompetenter und sicherer im Umgang mit ihrem Kind.
Zudem erhalten die Fachkräfte Einblick in das familiäre Umfeld. Sie können Spannungen, Überforderung oder mögliche Gefährdungen erkennen und gegebenenfalls weitere Unterstützung organisieren. „Wir sind eine der wenigen Berufsgruppen, die mehrere Tage hintereinander hinter die Haustür blicken dürfen“, erklärt Olieman.
Individuelle Begleitung
Jede Familie ist anders – vom gut vorbereiteten Elternpaar bis hin zu sozial benachteiligten Haushalten. Entsprechend flexibel müssen sich die Betreuungspersonen anpassen. Manche Eltern wünschen viel Austausch, andere mehr Zurückhaltung. Die Kraamverzorgenden beschreiben ihre Rolle deshalb oft als „Chamäleon“.
Ein Modell mit Vorbildcharakter?
Etwa 16 Prozent der niederländischen Frauen bringen ihr Kind geplant zu Hause zur Welt – deutlich mehr als in vielen Nachbarländern. Das umfassende Betreuungssystem gilt als ein Grund dafür. Frühzeitige Unterstützung kann langfristige gesundheitliche Probleme reduzieren und stärkt die Bindung zwischen Eltern und Kind.
Trotz Personalmangel und steigender Kosten steht das Modell unter Beobachtung. Doch für viele Familien ist klar: Die ersten Tage mit professioneller Begleitung machen einen entscheidenden Unterschied.
„Man darf am wichtigsten Moment im Leben einer Familie teilhaben und sie unterstützen“, sagt eine Kraamverzorgende. „Zu sehen, wie aus Unsicherheit Selbstvertrauen wird – das ist das Schönste an unserer Arbeit.“
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