Die Angst der Anleger

Kein Volk der Welt ist so aufs Sparen konzentriert wie die Deutschen. Gleichzeitig schreckt niemand so sehr vor Aktien zurück wie sie. Wer und was kann diese Angst besiegen?

Wer Geld anlegt, kann auf zwei Arten an die Sache herangehen – mit Freude oder mit Furcht. Vertreter der optimistischen Variante denken nicht daran, wie schwierig die Sache werden könnte, sondern hoffen danach mehr Geld zu besitzen als am Anfang. „Pot of Gold“ der Amerikaner – frei übersetzt: Die Mühe auf sich nehmen erwartet Belohnung. Der gleiche Weg kann mit Furcht beschritten werden. Vom „Pot of Gold“ ist nichts zu sehen. Unwirtliches Gelände bestimmt den Weg. Anleger können von der wirtschaftlichen Klippe stürzen und alles verlieren.

Deutsche fürchten die zweite Variante, leben bei Geldanlagen voller Ängste, wie kein anderes Volk der Welt. Eine Studie analysiert das Verhalten von Anlegern aus 18 Ländern – von Brasilien über Deutschland und Großbritannien bis hin zu den Vereinigten Staaten. Für diese Untersuchung wurden fast 2000 repräsentativ ausgewählte Bürger nach ihrem Anlageverhalten befragt. Für jedes Land zeigt sich ein Psychogramm des typischen Anlegers mit seinen Ängsten und Wünschen.

Das Frappierende an dieser Untersuchung ist: Die Deutschen stechen im Nationenvergleich heraus wie die Chinesen. Während aber die Chinesen (trotz aller Einschränkungen, die es in ihrem Land gibt) der Welt der Börse mit großer Freude begegnen und sogar gegen die Bezeichnung „Spieler“ nichts einzuwenden haben, ist es in Deutschland umgekehrt. 83 Prozent der Menschen sagen hier, dass sie kein Vertrauen in den Aktienmarkt haben. Das ist internationaler Negativrekord.

Ein Einwand bleibt. Vermögensverwalter haben eigene Interessen. Studien könnten verstärkt gewichten, um Lesern gemanagte Fonds ans Herz  zu legen.  Der Vorwurf zielt daneben: Umfrageinstitute wissen, welche potentiellen Kunden in Deutschland Fonds kaufen wollen. Deutsche sind Kunden der Widersprüche. Sie befürchten primär, dass ihnen im Alter das Geld ausgeht. Deshalb sparen sie Geld, um den eigenen Wohlstand langfristig zu erhalten. Das sind dreimal so viele Deutsche, wie diejenigen mit dem Bestreben den eigenen Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen.

Die Frage bleibt, wie gespart werden sollte und der Widerspruch, dass 70 Prozent dieser Menschen ihr Geld bevorzugt auf dem Giro-, Tages- oder Festgeldkonto liegen lassen – dies in der Kenntnis, dass Sparen in Zeiten niedrigster Zinsen eher sinnlos geworden ist!

Rational könnte erwartet werden, dass Deutsche auf Aktien ausweichen, zumal die Europäische Zentralbank noch keine Anstalten macht mit dem Anstieg der Zinssätze zu beginnen. In den Jahren der Niedrigzinsen wurde erkannt, dass sich der Kauf von Aktien auf lange Sicht lohnt. Deutschlands wichtigster Aktienindex, der DAX, erzielte in der Vergangenheit im Durchschnitt ein Plus von acht Prozent pro Jahr. Deutschen, ob jung, ob alt, ob Mann, ob Frau, ist das egal. Die Aktienquote ist in den vergangenen Jahren nicht gestiegen – zur Überraschung der Experten!

Deutsche nehmen Wertpapiere asymmetrisch wahr. Sie sehen die Gefahren von Aktien und blenden die Chancen aus – im Widerspruch zu den Chinesen, die für Chance und Risiko das gleiche Schriftzeichen verwenden. Deutsche haben nicht verstärkt in Wertpapiere wie Aktien und Fonds investiert, was wegen der Niedrigzinsen hätte erwartet werden können. Das Gegenteil war der Fall, denn in Wertpapieren aller Art haben sie etwa fünf Prozentpunkte weniger, nämlich 18 Prozent angelegt. Das Misstrauen gegenüber Aktien wächst.  16 Prozent der Befragten haben wegen der niedrigen Zinsen ihren Lebensstil eingeschränkt, aber keine Änderung ihres Anlageverhaltens vorgesehen. Das hat mit einem menschlichen Wesenszug und kollektiver Erfahrung zu tun.

Raucher in Deutschland rauchen trotz des Krebsrisikos, das Zigaretten auslösen können. Verhaltensökonomen nennen dies kognitive Dissonanz, indem das Gehirn versucht diesen Widerspruch aufzulösen, indem es die Information, dass Rauchen Krebs verursacht ignoriert und sich stattdessen daran aufrichtet, dass Helmut Schmidt 96 Jahre alt geworden ist.

Das entspricht den Reaktionen bei dem Eingehen von Geldanlagen. Deutsche wissen, dass sie wegen der niedrigen Zinsen ihr Anlageverhalten ändern müssten. Trotzdem tut die Mehrheit  nichts und findet Gründe, die ihr Abwarten erklären sollen – in diesem Jahr die Furcht vor politischer Instabilität wie Trump, Putin und Co., die Börsen in Unruhe versetzen könnten. Deutsche sind mit ihrer Psyche Weltmeister im Abwarten (vgl. Kremer, Dennis).

Der Wirtschafts-Nobelpreisträger Robert Shiller nennt das Narrative. Das sind sinnstiftende Erfahrungen, die über Generationen weitergegeben werden. In Amerika sind Generationen gewohnt ihr Geld, wie die Pensionspläne, in Aktien anzulegen. Im Großen und Ganzen haben sie mit diesem Handeln gute Erfahrungen gemacht. Vergleichbares hat es in Deutschland bei  den Aktienmärkten nie gegeben, denn Aktien taugen bei uns nicht zur Sinnstiftung.

Alternativ gibt es in Deutschland mehr Lebensversicherungen als Einwohner: Diese erhalten einen garantierten Zinssatz auf das eingezahlte Geld. Das hat über Jahrzehnte funktioniert. Obwohl die Lebensversicherer in der jetzigen Nullzinsphase neuen Kunden die alten Garantien nicht mehr bieten können, sind viele Deutsche von diesem Konzept überzeugt und investieren nicht in Aktien.

Äußerungen von Politikern zur Altersvorsorge beziehen sich gern  auf den ehemaligen Arbeitsminister Walter Riester, der bis heute in Interviews sagt, dass die private Altersvorsorge Pflicht werden muss. Dieser Tonfall herrscht in Deutschland bei Geldanlagen vor. Es wird der Zwang empfunden, dieser Verpflichtung nachzukommen. Der Ignorant wird im Alter verarmen. Kein Wunder, dass die meisten Deutschen die Freude des Anlegens in unternehmerische Beteiligungen noch nicht für sich entdecken konnten!

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