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Deutlich mehr zivile Opfer in der Ukraine: Bericht warnt vor „Erosion der Kriegsregeln“

nextvoyage (CC0), Pixabay
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Die Zahl ziviler Opfer in der Ukraine ist im Jahr 2025 deutlich gestiegen. Nach Angaben der britischen Nichtregierungsorganisation Action on Armed Violence (AOAV) nahmen die durch Bombardierungen verursachten zivilen Opfer im Vergleich zum Vorjahr um 26 Prozent zu. Die Entwicklung spiegele eine verstärkte russische Ausrichtung auf Städte und zivile Infrastruktur wider, so die Organisation.

Auf Grundlage englischsprachiger Medienberichte dokumentierte AOAV im Jahr 2025 insgesamt 2.248 getötete und 12.493 verletzte Zivilisten in der Ukraine durch explosive Gewalt. Zugleich stieg die Zahl der Opfer pro Angriff deutlich an: Durchschnittlich 4,8 Zivilisten wurden bei jedem einzelnen Vorfall getötet oder verletzt – ein Anstieg um 33 Prozent gegenüber 2024.

Als schwerster einzelner Angriff gilt ein Raketenangriff auf die Stadt Dnipro am 24. Juni 2025. Russische Raketen trafen einen Personenzug, Wohnhäuser und Schulen. 21 Menschen kamen ums Leben, 314 wurden verletzt, darunter 38 Kinder. Der Angriff steht exemplarisch für eine Intensivierung der Angriffe auf zivile Ziele.

Iain Overton, Geschäftsführer von AOAV, sieht in den Zahlen ein alarmierendes Signal. Die Entwicklung in der Ukraine passe in ein größeres Muster eines „Zusammenbruchs militärischer Zurückhaltung“, das sich in mehreren aktuellen Konflikten beobachten lasse. Das völkerrechtliche Prinzip der Verhältnismäßigkeit – also die Verpflichtung, zivile Schäden nicht außer Verhältnis zum militärischen Vorteil stehen zu lassen – sei zunehmend ausgehöhlt.

Die gezielte oder unverhältnismäßige Attacke auf Zivilisten oder zivile Infrastruktur gilt nach internationalem Recht als Kriegsverbrechen. Experten warnen jedoch, dass dieses grundlegende Prinzip in mehreren Konflikten unter Druck geraten sei – neben der Ukraine unter anderem im Gazastreifen, im Sudan und in der Demokratischen Republik Kongo. Overton spricht von einer jahrelangen Entwicklung: von den Zerstörungen in syrischen Städten wie Homs und Aleppo über Mariupol bis hin zu den jüngsten Kämpfen im Nahen Osten. Neu sei vor allem der Eindruck, dass eine funktionierende internationale Ordnung fehle, die Verantwortliche wirksam zur Rechenschaft ziehen könne.

In der Ukraine fanden 2025 nahezu jede Nacht Raketen- und Drohnenangriffe statt, die sich bis ins Jahr 2026 fortsetzten. Millionen Menschen litten zeitweise unter eingeschränktem oder komplettem Zugang zu Strom, Heizung und Wasser. In der Nacht zum 9. September 2025 registrierte die Ukraine mit 805 Drohnen und 13 Raketen den bislang größten Luftangriff seit Beginn des Krieges.

AOAV weist darauf hin, dass die eigenen Zahlen auf englischsprachigen Medienberichten beruhen. Diese Methode ermögliche zwar eine konsistente globale Vergleichbarkeit, führe jedoch zwangsläufig zu einer Unterschätzung der tatsächlichen Opferzahlen, da nicht alle Vorfälle umfassend und in jeder Sprache dokumentiert würden.

Weltweit registrierte AOAV im Jahr 2025 insgesamt 45.358 zivile Opfer durch explosive Gewalt – ein Rückgang gegenüber 61.353 im Jahr 2024, das den höchsten Stand seit zehn Jahren markiert hatte. Der Rückgang um 26 Prozent wird vor allem auf eine Waffenruhe im Gazastreifen im Oktober zurückgeführt. Dort wurden 2025 laut AOAV 14.024 zivile Opfer erfasst, rund 40 Prozent weniger als im Vorjahr.

Gleichzeitig verdeutlichen andere Zahlen, wie groß die Diskrepanz zwischen Medienauswertungen und lokalen Erhebungen sein kann. Nach Angaben der Gesundheitsbehörden im Gazastreifen wurden allein 2025 mehr als 25.000 Palästinenser getötet und über 62.000 verletzt. Insgesamt sei die Zahl der seit Oktober 2023 getöteten Palästinenser auf über 70.000 gestiegen. Auch hier zeigt sich, dass englischsprachige Medienberichte nur einen Teil der Realität abbilden.

Laut AOAV entfielen 2025 weltweit 17.589 getötete und 27.769 verletzte Zivilisten auf explosive Gewalt. Das Land, das nach der Auswertung für die meisten zivilen Opfer verantwortlich war, war Israel – knapp vor Russland. Aufgrund mehrerer paralleler Konflikte entfielen 35 Prozent aller dokumentierten zivilen Opfer auf israelische Militäreinsätze, 32 Prozent auf russische. Es folgten der Sudan und Myanmar mit deutlich geringeren, aber weiterhin hohen Opferzahlen.

Für Overton ergibt sich daraus eine beunruhigende Tendenz: Wenn Straflosigkeit zur Normalität werde, verlören Kriegsverbrechen ihren Ausnahmecharakter und drohten zu einer kalkulierten Methode der Kriegsführung zu werden. Die steigenden Opferzahlen in der Ukraine seien daher nicht nur eine nationale Tragödie, sondern Teil einer globalen Entwicklung, die das humanitäre Völkerrecht grundlegend infrage stellt.

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