Frage: Herr Blazek, die BaFin hat eine Prüfung des Konzernabschlusses der Gerresheimer AG eingeleitet. Was bedeutet das für das Unternehmen und die Anleger?
Daniel Blazek: Zunächst einmal: Die Einleitung einer Prüfung durch die BaFin ist noch kein Schuldspruch. Sie zeigt nur, dass die Finanzaufsicht konkrete Anhaltspunkte für mögliche Verstöße gegen Rechnungslegungsvorschriften sieht. In diesem Fall geht es um den Verdacht, dass Umsatzerlöse zu früh verbucht wurden – also noch nicht realisierte Erträge schon im Abschluss auftauchen.
Frage: Warum macht die BaFin diesen Schritt öffentlich?
Blazek: Früher liefen solche Prüfungen oft im Stillen. Mit dem Gesetz zur Stärkung der Finanzmarktintegrität (FISG) hat der Gesetzgeber aber ausdrücklich Transparenz eingefordert. Seit 2022 muss die BaFin die Öffentlichkeit früher informieren – auch um Vertrauen in den Kapitalmarkt zu stärken. Das heißt: Jeder Investor weiß sofort, dass ein Unternehmen überprüft wird, egal wie das Ergebnis am Ende ausfällt.
Frage: Was sollten Anleger nun aus dieser Bekanntmachung schließen?
Blazek: Man sollte das nüchtern betrachten. Es gibt ein Verfahren, weil Verdachtsmomente vorliegen – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Erst wenn die BaFin nach der Prüfung tatsächlich zu dem Schluss kommt, dass es Verstöße gab, könnte das Folgen haben: von einer Korrektur des Jahresabschlusses über mögliche Bußgelder bis hin zu haftungsrechtlichen Konsequenzen.
Frage: Ist so ein Vorwurf – Umsätze zu früh ausgewiesen – etwas Schwerwiegendes?
Blazek: Es ist zumindest sensibel. Der Umsatz ist eine zentrale Kennzahl für Investoren und Analysten. Wenn hier manipuliert wird oder Fehler auftreten, kann das die Unternehmensbewertung massiv verzerren. Deshalb schaut die BaFin bei diesem Thema sehr genau hin. Aber man darf nicht vergessen: Es kann sich auch um einen formalen Fehler oder eine andere Interpretation von Bilanzierungsregeln handeln.
Frage: Wie lange dauert so eine Prüfung normalerweise?
Blazek: Erfahrungsgemäß mehrere Monate, manchmal auch länger als ein Jahr – gerade wenn es um komplexe Sachverhalte geht. Wichtig ist: Die BaFin wird ihr Ergebnis in jedem Fall veröffentlichen, egal ob sie Unregelmäßigkeiten feststellt oder nicht.
Frage: Welche Auswirkungen hat die Bekanntmachung kurzfristig auf die Aktie?
Blazek: Allein die Tatsache, dass ein Bilanzkontrollverfahren läuft, kann schon Druck auf den Kurs ausüben, weil Investoren Unsicherheit nicht mögen. Entscheidend wird aber das Ergebnis der Prüfung sein. Solange das offen ist, werden die Märkte mit einem Risikoaufschlag reagieren.
Frage: Ihr Fazit?
Blazek: Anleger sollten Ruhe bewahren und die Ergebnisse abwarten. Die Einleitung einer Prüfung bedeutet weder, dass Gerresheimer falsch bilanziert hat, noch dass zwingend Konsequenzen folgen. Es ist ein formaler Schritt der Aufsicht – aber einer, den man ernst nehmen sollte.
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