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Cornell-Präsident nennt mutmaßliche Vergewaltigung „zutiefst verstörend“ und kündigt unabhängige Aufarbeitung an

TheDigitalArtist (CC0), Pixabay
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Der Präsident der Cornell University, Michael Kotlikoff, hat sich erstmals ausführlich zu der wachsenden Kritik am Umgang der Universität mit Vorwürfen einer mutmaßlichen sexuellen Gewalttat aus dem Jahr 2024 geäußert.

In einer rund achtminütigen Videobotschaft vom 3. Oktober bezeichnete Kotlikoff die Vorwürfe als „zutiefst verstörend“ und sprach von einem prägenden Moment in der Geschichte der Universität.

Im Mittelpunkt steht der Fall einer Studentin, die in Gerichtsunterlagen unter dem Namen „Jane Doe“ geführt wird. Sie wirft mehreren Mitgliedern einer Studentenverbindung vor, sie im Oktober 2024 vergewaltigt zu haben.

Bislang wurde gegen kein Mitglied der Verbindung strafrechtlich Anklage erhoben.

Präsident räumt Fehler und offene Fragen ein

Kotlikoff erklärte, die Vorwürfe würden erschütternde Fragen zu sexueller Gewalt, Entmenschlichung, Partykultur sowie Alkohol- und Drogenkonsum aufwerfen.

Was der Studentin 2024 widerfahren sei, werde die Universitätsgemeinschaft noch über Jahre beschäftigen.

Zugleich räumte der Präsident ein, dass Cornell nicht auf alle Fragen zum Umgang mit dem Fall Antworten habe.

Die Universität müsse es künftig besser machen.

Der Verwaltungsrat von Cornell werde in der kommenden Woche eine unabhängige Untersuchung durch eine externe Anwaltskanzlei ankündigen.

Dabei soll insbesondere überprüft werden, wie die Universität den Fall im Jahr 2024 behandelt hat.

Cornell unterstützt neue strafrechtliche Untersuchung

Kotlikoff erklärte außerdem, die Universität unterstütze die Entscheidung der Gouverneurin des Bundesstaates New York, Kathy Hochul, den Fall erneut untersuchen zu lassen.

Die Generalstaatsanwältin des Bundesstaates, Letitia James, teilte am 2. Oktober mit, dass ihre Behörde Ermittlungen aufgenommen habe.

Cornell wolle sowohl mit dieser Untersuchung als auch mit der angekündigten unabhängigen Überprüfung umfassend zusammenarbeiten.

Kritik am geltenden Sexualstrafrecht

Der Cornell-Präsident sprach sich zudem dafür aus, die gesetzlichen Regelungen zu sexuellen Übergriffen im Bundesstaat New York zu überprüfen.

Besonders umstritten ist dabei die Frage, unter welchen Umständen eine stark alkoholisierte Person rechtlich nicht mehr in der Lage ist, wirksam in sexuelle Handlungen einzuwilligen.

Nach geltendem Recht führt freiwilliger Alkoholkonsum nicht automatisch dazu, dass eine Person als rechtlich einwilligungsunfähig gilt.

Gouverneurin Hochul kündigte an, sich für eine Änderung der entsprechenden Regelungen einzusetzen.

Sie machte deutlich, dass freiwilliger Alkoholkonsum aus ihrer Sicht keine Rechtfertigung für sexuelle Gewalt darstellen dürfe.

Kritik an der Kommunikation der Universität

Kotlikoff ging auch auf Vorwürfe ein, Cornell habe in der Vergangenheit unzureichend und zu wenig transparent über den Fall informiert.

Die Universität wolle künftig stärker erklären, welche Maßnahmen sie ergreife und aus welchen Gründen.

Dabei müsse Cornell allerdings weiterhin rechtliche Vorgaben und Datenschutzbestimmungen beachten.

Der Präsident versprach dennoch mehr Transparenz und zusätzliche Informationen für Studierende, Beschäftigte und Öffentlichkeit.

Studentin erhebt schwere Vorwürfe

Die betroffene Studentin war zum Zeitpunkt des mutmaßlichen Übergriffs 20 Jahre alt.

In einer im September eingereichten Klage erklärte sie, am 19. Oktober 2024 von Mitgliedern der Cornell-Studentenverbindung Chi Phi gemeinschaftlich vergewaltigt worden zu sein.

Sie meldete den mutmaßlichen Übergriff im November 2024 bei der Campuspolizei von Cornell.

Die Universitätsbeamten übermittelten der Staatsanwaltschaft anschließend eine sechsseitige Aussage der Studentin.

Später soll ein Ermittler der Cornell-Polizei die Staatsanwaltschaft von Tompkins County darüber informiert haben, dass weitere Beweismittel vorlägen.

Dazu hätten zusätzliche Zeugenaussagen und Interviews gehört.

Nach den vorliegenden Angaben lehnte die Staatsanwaltschaft jedoch eine weitere Prüfung dieser Informationen ab, weil bereits zuvor entschieden worden war, keine strafrechtlichen Anklagen zu erheben.

Staatsanwalt spricht inzwischen von möglicherweise unvollständigem Bild

Der Bezirksstaatsanwalt Matthew Van Houten hatte die Entscheidung, keine Anklage zu erheben, zunächst verteidigt.

Am 2. Oktober erklärte er jedoch, möglicherweise nicht über das vollständige Bild des Falls verfügt zu haben.

Diese Aussage verstärkte die Kritik an der ursprünglichen Bearbeitung der Ermittlungen.

Nun soll die Untersuchung durch die Generalstaatsanwaltschaft klären, ob relevante Informationen übersehen oder nicht ausreichend berücksichtigt wurden.

Studentenverbindungen sollen überprüft werden

Cornell kündigte außerdem eine grundsätzliche Überprüfung der Rolle sogenannter „Greek Organizations“ auf dem Campus an.

Dazu gehören insbesondere Studentenverbindungen und ähnliche Organisationen.

Kotlikoff erklärte, die Universität wolle gemeinsam mit Studierenden, ehemaligen Studierenden und weiteren Mitgliedern der Hochschulgemeinschaft prüfen, welche positiven Aspekte dieser Organisationen erhalten werden könnten.

Gleichzeitig müssten persönliche Verantwortlichkeit, Transparenz und Sicherheitsstandards deutlich gestärkt werden.

Jedes Mitglied müsse verstehen, Verantwortung für die Sicherheit und das Wohlergehen anderer zu tragen.

Alle gesellschaftlichen Veranstaltungen der Verbindungen abgesagt

Als Reaktion auf die zunehmende Kritik sagte Cornell sämtliche gesellschaftlichen Veranstaltungen von Studentenverbindungen für das betreffende Wochenende ab.

Studentische Gruppen kündigten zudem Protestaktionen für Montag, den 5. Oktober, an.

Damit wächst der Druck auf die Hochschulleitung weiter.

Der Fall hat sich längst über die Universität hinaus zu einer politischen und gesellschaftlichen Debatte über sexuelle Gewalt, Universitätskultur und die Verantwortung von Bildungseinrichtungen entwickelt.

Präventionsarbeit soll verstärkt werden

Kotlikoff kündigte an, Cornell werde Programme zur Prävention sexueller Gewalt und zur Aufklärung ausbauen.

Auch Angebote in den Bereichen psychische Gesundheit sowie Alkohol- und Drogenkonsum sollen gestärkt werden.

Nach Ansicht des Präsidenten müsse Veränderung innerhalb der Cornell-Gemeinschaft selbst beginnen.

Ein Fall mit weitreichenden Folgen für Cornell

Die Auseinandersetzung dürfte Cornell noch längere Zeit beschäftigen.

Neben der strafrechtlichen Untersuchung durch die Generalstaatsanwaltschaft steht nun auch eine unabhängige Überprüfung des Handelns der Universität bevor.

Dabei wird insbesondere zu klären sein, wie Cornell mit den Vorwürfen der Studentin umging, welche Informationen der Staatsanwaltschaft zur Verfügung standen und ob interne Prozesse versagt haben.

Auch der Umgang mit Studentenverbindungen und der Partykultur auf dem Campus dürfte stärker in den Fokus rücken.

Für die Universität steht dabei viel auf dem Spiel: Es geht nicht nur um die Aufarbeitung eines einzelnen Falls, sondern auch um Vertrauen, institutionelle Verantwortung und die Frage, ob Studierende darauf vertrauen können, dass Hinweise auf sexuelle Gewalt konsequent und transparent verfolgt werden.

Bis zum Abschluss der Ermittlungen gilt zugleich, dass es sich bei den geschilderten Vorgängen um Vorwürfe handelt. Strafrechtliche Verurteilungen gegen Mitglieder der Studentenverbindung liegen bislang nicht vor.

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