Chinas Internetaufsicht hat ein neues Feindbild ausgemacht: schlechte Laune. Was bisher vor allem politische Kritik, sensible Geschichtsthemen oder Angriffe auf die Parteiführung ins Visier der Zensur nahm, soll nun auch für „übertriebene Negativität“ gelten.
Am Montag kündigte die Cyberspace Administration of China eine zweimonatige Kampagne an, die Beiträge und Videos ins Visier nimmt, die „pessimistische Weltbilder“ verbreiten, „extreme Verzweiflung“ darstellen oder zu „übermäßiger Selbstabwertung“ anregen.
Wirtschaftskrise trifft auf „Lying Flat“
Hintergrund sind die anhaltenden wirtschaftlichen Probleme des Landes: schwächelnde Industrie, lahmender Konsum und eine Jugendarbeitslosigkeit von zuletzt fast 19 Prozent. Unter jungen Chinesinnen und Chinesen hat sich in den letzten Jahren ein regelrechter Kulturtrend entwickelt – vom „Lying Flat“ (Leben im Minimalmodus) bis hin zu den „Rattenmenschen“, die lieber im Bett bleiben und ihr Essen bestellen, als sich mit dem Stress draußen auseinanderzusetzen.
Mehrere Blogger, die diesen Lebensstil dokumentieren, berichteten zuletzt, dass ihre Videos gelöscht und ihre Accounts gesperrt wurden.
Plattformen bestraft
Auch große Plattformen wie Weibo, Kuaishou und Xiaohongshu (Red) wurden im September von den Behörden gerügt, weil sie angeblich „harmlose Inhalte“ wie Promiklatsch zu sehr in den Vordergrund gestellt oder nicht genügend gegen „defätistische Narrative“ wie „Anstrengung ist nutzlos“ vorgegangen seien.
Staat gegen schlechte Stimmung
Staatsmedien verteidigen die Kampagne als „rechtzeitig“ und warnen vor den Gefahren pessimistischer Inhalte: Diese könnten Panik auslösen, das Vertrauen in die Gesellschaft untergraben und sogar „offline Konflikte“ provozieren.
Doch Experten sind skeptisch. „Die Stimmung mag sich online verändern – im wirklichen Leben aber wohl kaum, solange sich die Job- und Zukunftschancen nicht bessern“, sagt Ja Ian Chong, Politikwissenschaftler an der National University of Singapore.
Und wie schon bei früheren Zensurwellen gilt: Neue Begriffe, Memes und Codes dürften nicht lange auf sich warten lassen. „Der Staat kann Begriffe sperren – aber er kann den Erfindungsgeist der User nicht stoppen“, so Chong.
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