Was in Budapest als „Tag der ungarisch-amerikanischen Freundschaft“ verkauft wurde, war in Wahrheit weniger ein Fest der Völkerfreundschaft als vielmehr eine politische Werbeveranstaltung für ein transatlantisches Zweckbündnis der besonderen Art: Donald Trump, JD Vance und Viktor Orbán – drei Männer, die sich offensichtlich einig sind, dass Demokratie am besten funktioniert, wenn sie möglichst wenig stört.
Während Donald Trump wenige Stunden zuvor noch damit drohte, „eine ganze Zivilisation“ im Iran zu zerstören, hatte US-Vizepräsident JD Vance in Budapest offenbar Zeit für das Wesentliche: Wahlkampfhilfe für Viktor Orbán, den ungarischen Ministerpräsidenten, Liebling der europäischen Rechten, Liebling der MAGA-Szene – und laut Umfragen ausgerechnet kurz vor der Wahl in Schwierigkeiten.
Dass Vance dem Publikum in Budapest demonstrativ Donald Trump ans Telefon hielt, hatte fast schon etwas Rührendes. Eine Art geopolitischer Kindergeburtstag für autoritäre Sehnsüchte. Trump meldete sich – nach dem zweiten Versuch – und ließ die Menge wissen, dass er „ein großer Fan von Viktor“ sei und „die USA voll hinter ihm“ stünden. Vance wiederum erklärte gleich offen, er sei in Budapest, um Orbán „so viel wie möglich zu helfen“.
Deutlicher kann man sich in einen Wahlkampf eines EU-Landes kaum einmischen, ohne gleich Wahlplakate selbst zu kleben.
Warum ist Orbán für Trump und Vance so wichtig?
Die Antwort ist einfach: Orbán ist für die amerikanische Rechte längst kein ungarischer Regierungschef mehr, sondern ein politisches Exportmodell. Wer in Washington heute von einer „Trump-Revolution“ träumt, blickt nach Budapest wie andere früher nach Silicon Valley. Nur eben nicht wegen Innovation, sondern wegen der perfekten Kombination aus Machtkonzentration, Medienkontrolle, Feindbildpflege und ideologischer Infrastruktur.
Ungarn gilt inzwischen als das, was man wohlwollend als „illiberale Demokratie“ bezeichnet – oder weniger wohlwollend als ein politisch geschniegelt autoritärer Umbau mit Wahlurne. Wahlen gibt es, Opposition auch, Kritik theoretisch ebenso. Nur sollte man sich nicht wundern, wenn auf Kritik keine Debatte folgt, sondern Rufmord, Schmutzkampagnen und mediale Hinrichtung auf Raten.
Politikwissenschaftler nennen das „hybrides Regime“, „kompetitiven Autoritarismus“ oder „informationelle Autokratie“. Auf gut Deutsch: Nicht gleich einsperren – erst mal zersetzen.
Orbáns System lebt von Feindbildern
Wer Orbáns Modell verstehen will, muss nur schauen, wie es funktioniert:
Es braucht ständig Gegner.
Mal sind es NGOs.
Mal freie Medien.
Mal liberale Intellektuelle.
Mal Journalisten.
Mal George Soros.
Mal Universitäten.
Mal Brüssel.
Mal Migranten.
Mal „woke Eliten“.
Hauptsache, irgendwer ist schuld.
Das System Orbán funktioniert nicht über offene Gewalt, sondern über Dauerbeschallung, Kampagnen, politische Einschüchterung und die konsequente Umdeutung von Macht in angebliche Volksnähe. Dass die renommierte Central European University (CEU) Budapest faktisch verlassen musste und nach Wien auswich, war kein Zufall, sondern ein Lehrstück: Man muss nicht zusperren, wenn permanenter Druck denselben Effekt hat.
Budapest als Kaderschmiede der internationalen Rechten
Nach dem Rückzug der CEU rückte eine andere Institution ins Zentrum: das Mathias Corvinus Collegium (MCC). Finanziell großzügig mit staatlichen Mitteln und Unternehmensanteilen ausgestattet, fungiert es inzwischen als eine Art Kaderschmiede für den nationalkonservativen Nachwuchs Europas.
Dort sprach JD Vance vor geschniegelt-frisierten Nachwuchsideologen im Slim-Fit-Anzug über die Rettung der „Zivilisation“. Klingt groß. Gemeint ist meist: weniger liberal, weniger grün, weniger Einwanderung, weniger Vielfalt – und vor allem deutlich mehr ideologischer Gleichschritt.
Budapest ist damit für die amerikanische Rechte längst zu einer Art europäischem Hauptquartier der MAGA-Bewegung geworden. Steve Bannon war früh begeistert und nannte Orbán „Trump vor Trump“. Tucker Carlson sendete aus Ungarn. Die CPAC etablierte sich in Budapest. Die Heritage Foundation schwärmt. Kurz gesagt: Wo andere in Europa demokratische Standards verteidigen wollen, sieht MAGA in Orbán ein Erfolgsmodell.
Oder noch klarer:
Budapest ist für die internationale Rechte das, was Havanna in den 70ern für die radikale Linke war – nur mit weniger Zigarrenromantik und mehr Thinktank-Fördergeld.
Die große Ironie des Viktor Orbán
Besonders schön ist die Ironie der Lage: Orbán inszeniert sich seit Jahren als großer Nationalist, als Verteidiger ungarischer Souveränität gegen ausländische Einmischung. Doch wenn es für ihn eng wird, ist Unterstützung aus Washington plötzlich gar kein Problem mehr.
Wenn Vance offen aufruft, „an die Urnen zu gehen“ und „an der Seite von Viktor Orbán zu stehen“, ist das offenbar keine Einmischung, sondern transatlantische Zuneigung.
Wenn Brüssel etwas kritisiert, ist es Fremdherrschaft.
Wenn Washington Wahlkampfhilfe liefert, ist es Freundschaft.
Das ist schon eine bemerkenswerte Form von Prinzipientreue.
Oppositionsführer Péter Magyar, dessen Tisza-Partei laut Umfragen seit Monaten deutlich vor Orbáns Fidesz liegt, reagierte entsprechend kühl: Ungarns Geschichte werde nicht in Washington, Moskau oder Brüssel geschrieben, sondern auf Ungarns Straßen und Plätzen.
Ein Satz, der sitzt. Und vor allem einer, der Orbán besonders wehtun dürfte. Denn ausgerechnet der Mann, der ständig nationale Unabhängigkeit predigt, könnte nun wie ein Globalist verlieren – gestützt von Trump, beklatscht von MAGA, beklopft von Moskau.
Russland und Trump auf derselben Seite – peinlicher wird’s kaum
Dass Orbán nicht nur in Washington, sondern auch in Moskau geschätzt wird, macht die Sache noch absurder. Wenn russische und amerikanische Interessen plötzlich denselben Kandidaten in Europa unterstützen, dann sollte man vielleicht kurz innehalten und fragen, was hier eigentlich gerade politisch schiefläuft.
Orbáns Russland-Nähe ist bekannt, seine Energieabhängigkeit von Moskau ebenfalls. Über 90 Prozent der ungarischen Rohölimporte kamen zuletzt aus Russland. Und ausgerechnet Donald Trump, der Europa sonst ständig vorwarf, mit russischem Öl Putins Kriegskasse zu füllen, gewährte Ungarn dann eine Ausnahme von US-Sanktionen.
Mit anderen Worten:
Wenn es politisch nützt, ist Prinzipientreue bei Trump ungefähr so stabil wie ein Sonnenschirm im Orkan.
Vance lobte Orbáns Energiepolitik sogar noch. Der Rest Europas hätte ihr folgen sollen, meinte er.
Das ist ungefähr so, als würde man dem Nachbarn erklären, sein Haus hätte viel besser gebrannt, wenn alle anderen auch noch Benzin gekippt hätten.
Was passiert, wenn Orbán verliert?
Sollte Orbán am Sonntag tatsächlich verlieren, dann wäre das weit mehr als ein Regierungswechsel in Ungarn.
Es wäre ein psychologischer Schock für die europäische Rechte.
Ein Schlag gegen das Narrativ, dass der autoritäre Nationalpopulismus unaufhaltsam marschiert.
Und vor allem eine Blamage für jene, die Budapest zur Modellstadt ihrer politischen Zukunft erklärt haben.
Denn dann stünden plötzlich zwei selbsternannte Supermächte – die USA unter Trump und Russland unter Putin – ziemlich dumm da, nachdem sie alles getan haben, um ihren Lieblingskandidaten zu stützen.
Für Orbán wäre es eine Niederlage.
Für Trump und Vance wäre es eine Ohrfeige.
Für Moskau wäre es peinlich.
Und für Europa vielleicht ein dringend nötiger Beweis, dass demokratische Widerstandskraft eben doch noch existiert.
Kommentar von diebewertung
Was sich in Budapest abspielte, war keine „Freundschaftsfeier“, sondern eine Wahlkampfshow für ein politisches Geschäftsmodell, das Europa lieber heute als morgen in eine Ansammlung illiberaler Kleinreiche umbauen würde. Trump liefert den Größenwahn, Vance den ideologischen Feinschliff und Orbán den praktischen Feldversuch. Dass ausgerechnet jene, die ständig vor „Einmischung von außen“ warnen, nun demonstrativ amerikanische Unterstützung auf die Bühne holen, ist an Heuchelei kaum zu überbieten. Sollte Orbán am Sonntag verlieren, wäre das nicht nur ein ungarisches Wahlergebnis – es wäre ein Signal an ganz Europa, dass man autoritäre Selbstinszenierung, Dauerpropaganda und importierten MAGA-Klamauk eben doch noch abwählen kann.
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