In Videos, die auf sozialen Medien kursieren, ist zu sehen, wie russische Soldaten, die sich dem Krieg entziehen wollen, systematisch misshandelt, erniedrigt oder sogar geopfert werden – angeblich „für Baba Jaga“, eine mythische Hexengestalt der slawischen Folklore. Damit wird ein ukrainischer Kampfdrohnen-Typ gemeint, der bei russischen Truppen große Angst auslöst.
Eine Aufnahme zeigt zwei Deserteure, die in einem Erdloch gegeneinander kämpfen müssen – nur der Sieger darf heraus. In einem anderen Fall wird ein Soldat an einen Baum gebunden und einem ukrainischen Drohnenangriff überlassen. Der Befehl, ihn dort „zur Strafe zu binden“, kam direkt von einem russischen Offizier, wie ein abgefangener Funkspruch belegt.
Diese und weitere grausame „Strafrituale“ – darunter Männer in Stahlcontainern, Tritte ins Gesicht, oder das sogenannte „Karussell“ (Soldat wird am Auto hinterhergeschleift) – illustrieren die Verzweiflung und die systematische Gewalt, mit der Russland versucht, seine Truppen im Krieg zu halten.
„Ich will hier nicht sterben“ – Verlorene Moral und Fluchtversuche
Laut Grigory Sverdlin, Leiter der Organisation Get Lost, haben seit Kriegsbeginn zehntausende russische Männer desertiert oder versuchen dies. „Das häufigste, was sie sagen, ist: ‚Das ist nicht mein Krieg‘“, sagt Sverdlin. Seine Organisation hilft Deserteuren von ihrem Sitz in Barcelona aus.
Erfahrungsberichte zeigen: Schlechte Ausbildung, fehlende Ausrüstung, massiver Druck und geringe Überlebenschancen prägen die Realität an der Front. Kommandeure würden lieber Menschenleben opfern als Gerät verlieren, sagt Sverdlin.
Ein Soldat aus Kamensk-Uralsky berichtet, er sei nach Sichtung einer ukrainischen Drohne geflohen. Ein Kamerad bot ihm an: „Ich schieß dich an – dann wirst du evakuiert.“ Als er ablehnte, schoss dieser trotzdem. Später wurde der Verletzte festgesetzt – mit einem Seil an einen Baum gebunden – offenbar in Erwartung eines Drohnenangriffs.
Appelle an Putin, Vertuschung und Erschießungen
Ein Soldat wandte sich via Telegram persönlich an Wladimir Putin. Er beklagt, dass seine Einheit bei einem Angriff fast vollständig ausgelöscht wurde, dass kaum Sold entlohnt wurde und Todesfälle regelmäßig vertuscht würden, um keine Entschädigung zahlen zu müssen.
„Ich habe gesehen, wie meine Kameraden starben“, sagt er. Besonders schwerwiegend: Ein Kommandeur habe „Leute an die Wand gestellt“, weil sie sich weigerten, sich Maschinengewehren entgegenzustellen.
Laut dem US-Institut ISW könnten bis zu 50.000 russische Soldaten desertiert sein. Viele tun dies vor ihrem Einsatz, andere währenddessen, meist aus schierer Überlebensangst und dem Gefühl völliger Sinnlosigkeit.
Ein System der Angst
Die brutalen Videos – von Soldaten selbst oder ukrainischen Drohnen aufgezeichnet – zeigen: Statt Disziplin durch Überzeugung oder Organisation basiert Putins Kriegsmaschinerie zunehmend auf Einschüchterung und Sadismus.
Gleichzeitig wird in Russland kaum über Desertion gesprochen. Familien suchen vergeblich nach Informationen über „vermisste“ Angehörige. Die russische Armee spricht lieber von „Verschwundenen“ statt Gefallenen oder Flüchtigen.
Ein weiterer erschütternder Bericht zeigt drei halbnackte Männer in einem Container. Ein Kameramann ruft: „Zeit, die Tiere zu füttern!“ und bröselt einem der Gefangenen sarkastisch einen Keks in die Hand.
Fazit: Putins Armee – mehr Gewalt als Überzeugung
Während Russland laut NATO allein im Jahr 2025 über 100.000 Soldaten verloren hat, scheint die Moral weiter zu sinken. Die russische Armee steht, wie der Aktivist Sverdlin sagt, nicht auf Disziplin – sondern auf Angst und Gewalt. Doch gegen innere Leere hilft keine Drohne – und kein Strick am Baum.
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