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Britischer Ex-Minister Mandelson festgenommen – London entdeckt plötzlich sein Gedächtnis

lechenie-narkomanii (CC0), Pixabay
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In Großbritannien wird der Fall Jeffrey Epstein inzwischen offenbar im Wochenrhythmus neu aufgerollt – und diesmal hat es eine echte Westminster-Ikone erwischt: Peter Mandelson, einst „Prinz der Finsternis“ der Labour-Partei, graue Eminenz, Comeback-König und politisches Stehaufmännchen, wurde am Montag festgenommen.

Der Vorwurf klingt nüchtern wie eine Verwaltungsübertretung: „Fehlverhalten in einem öffentlichen Amt“. Was genau das bedeutet, wird derzeit wohl zwischen Polizeistation und Pressestelle präzisiert – jedenfalls dürfte es die britische Innenpolitik wieder einmal in einen Zustand versetzen, der irgendwo zwischen Shakespeare-Drama und Polit-Sitcom pendelt.

Ein 72-jähriger Mann – zufällig Mandelson

Offiziell sprach die Londoner Polizei lediglich von der Festnahme eines „72-jährigen Mannes“. BBC und Sky News waren weniger zurückhaltend und zeigten Bilder, wie Mandelson von seinem Londoner Wohnsitz abgeführt wurde – diskret, aber doch so, dass es für die Abendnachrichten reichte.

Bereits Anfang Februar hatten Ermittler zwei seiner Wohnsitze durchsucht – darunter eine Adresse im noblen Regent’s Park. Offenbar wollte man sicherstellen, dass zwischen Antiquitäten, Orden und alten Parteiprogrammen nichts Sensibleres versteckt war.

Der Mann mit mehr Comebacks als eine Boyband

Mandelson war nie einfach nur Politiker. Er war Institution, Strippenzieher, Strategieberater – und vor allem jemand, der selbst nach Rücktritten immer wieder auftauchte, geschniegelt, geschniegelt und politisch erstaunlich widerstandsfähig.

Unter Tony Blair diente er als Handels- und Industrieminister, unter Gordon Brown als Wirtschaftsminister. Später wurde er EU-Kommissar, Mitglied des Oberhauses und – als jüngster Höhepunkt – britischer Botschafter in den USA. Ein politischer Lebenslauf, der eher wie eine Sammelkarte wirkt: „Alle Ämter, limitierte Auflage“.

Politischer Flurschaden in Downing Street

Die Festnahme kommt für Premierminister Keir Starmer denkbar ungelegen. Schließlich hatte er Mandelson selbst zum Botschafter ernannt – trotz bereits kursierender Fragen zu dessen Kontakten zu Epstein.

Vor zwei Wochen traten mehrere Vertraute Starmers zurück, nachdem Details zur Ernennung ans Licht gekommen waren. Jetzt dürfte man in der Downing Street hektisch prüfen, ob man den Begriff „Sorgfaltsprüfung“ vielleicht neu definieren muss.

Starmer entschuldigte sich inzwischen bei den Opfern Epsteins für die Ernennung. Mandelson habe offenbar das Ausmaß seiner Kontakte im Vorfeld „nicht vollständig offengelegt“ – eine Formulierung, die im politischen Englisch ungefähr so viel bedeutet wie: „Das war vielleicht nicht ganz die ganze Wahrheit.“

Brisante Details aus den Epstein-Files

Die jüngsten Veröffentlichungen aus den sogenannten „Epstein-Files“ sorgen zusätzlich für Unruhe. Demnach soll Mandelson enger mit dem US-Multimillionär verbunden gewesen sein als bislang eingeräumt. Besonders pikant: Der Verdacht, er habe während der Finanzkrise 2008 sensible Regierungsinformationen weitergegeben.

Unter anderem geht es um Hinweise auf einen milliardenschweren Rettungsschirm – angeblich einen Tag vor offizieller Verkündung. Ob es sich dabei um brisante Staatsgeheimnisse oder bloß politisches „Vorab-Getuschel“ handelt, wird nun Gegenstand juristischer Feinarbeit.

Und dann wäre da noch Prinz Andrew

Als wäre das alles nicht genug, wurde kürzlich auch der frühere Prinz Andrew festgenommen – ebenfalls wegen mutmaßlichen Fehlverhaltens im Amt im Zusammenhang mit Epstein.

Das britische Establishment wirkt derzeit wie eine sehr exklusive Wiederholungssendung: gleiche Namen, gleiche Vorwürfe, nur andere Kulissen. Selbst Finanzministerin Rachel Reeves forderte klare Worte und Transparenz – ein höflicher britischer Ausdruck für „Jetzt reicht’s langsam“.

Mehr Spektakel als Konsequenzen?

Während in den USA Millionen Seiten an Epstein-Dokumenten veröffentlicht wurden, scheint Großbritannien nun ebenfalls eine verspätete Aufarbeitung zu erleben – inklusive Rücktritten, Hausdurchsuchungen und moralischer Entrüstung im Wochenrhythmus.

Ob die Affäre zu echten politischen Konsequenzen führt oder sich am Ende als weiteres Kapitel im großen Buch der britischen Polit-Resilienz entpuppt, bleibt abzuwarten.

Fest steht nur: Westminster ist wieder einmal bestens unterhalten – wenn auch unfreiwillig.

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