Als Fan von Borussia Mönchengladbach entwickelt man mit der Zeit besondere Fähigkeiten. Man erkennt Hoffnungsschimmer bei schlechten Lichtverhältnissen. Man kann aus einer gelungenen Viertelstunde Zuversicht für eine ganze Saison basteln. Und man hört den Satz „Wir müssen die positiven Dinge mitnehmen“, bevor überhaupt jemand das Mikrofon eingeschaltet hat.
Nach dem 1:1 im Testspiel auf St. Pauli möchte ich deshalb vorsorglich eine Bitte anmelden: Nicht schonwieder Ausreden.
Tim Kleindienst brachte Borussia am Millerntor in Führung, Ricky-Jade Jones glich später aus. Ein Unentschieden gegen einen Zweitligisten ist im Testbetrieb kein Weltuntergang. Für eine Mannschaft, die in der Bundesliga noch ohne Punkt am Tabellenende steht, ist es aber auch keine Beruhigungstablette. Zumal am 11. Oktober das Derby in Köln wartet.
Und wir wissen alle: Für dieses Spiel lässt sich schlechte Laune nicht einfach mit dem Hinweis auf eine ordentliche Trainingswoche wegmoderieren.
Ich bestelle keine Meisterschaft. Ein bisschen Verlässlichkeit würde reichen.
Natürlich braucht Alexander Blessin Zeit. Ein neuer Trainer kann nicht am Dienstag die Kabine betreten, am Mittwoch sämtliche Probleme beseitigen und am Donnerstag schon überlegen, wo die nächste Europapokalreise hingeht.
Das verlangt auch niemand.
Was ich allerdings gern sehen würde, ist eine Borussia, bei der man nach einer Führung nicht sofort innerlich den Sicherheitsgurt nachzieht. Eine Mannschaft, die ihre guten Phasen verlängert. Die nach einem Ballverlust gemeinsam reagiert. Und bei der das Wort „Entwicklung“ irgendwann auch auf dem Rasen einen erkennbaren Gegenstand beschreibt.
Wir Fans sind schließlich erstaunlich genügsam geworden. Früher haben wir über große internationale Abende gesprochen. Heute freuen wir uns, wenn eine Führung den Schlusspfiff erlebt. Das ist ungefähr so, als würde man sich beim Autokauf inzwischen schon darüber freuen, dass alle vier Räder dazugehören.
Der Test hatte durchaus gute Momente
Es wäre unfair, die Partie ausschließlich schlechtzureden. Borussia fand in der ersten Halbzeit ins Spiel und ging durch Kleindienst in Führung. Später kam St. Pauli stärker auf. Vor dem Ausgleich hatte Gladbach selbst eine Chance durch Fritz Fleck; anschließend schalteten die Gastgeber schnell um und Jones traf sehenswert.
Gerade solche Abläufe machen mich als Fan unruhig. Vorne besteht die Möglichkeit, etwas klarzumachen. Kurz darauf steht hinten der Ausgleich auf der Anzeigetafel.
Ich möchte daraus keine komplette taktische Diagnose stricken. Dafür wäre eine einzelne Szene zu wenig. Aber mein Fanherz kennt diese Dramaturgie leider besser, als ihm lieb ist.
Es sitzt schon mit der Fernbedienung in der Hand da und denkt: Bitte jetzt einmal die langweilige Variante. Führung behalten. Spiel beenden. Keine nachträgliche Ursachenforschung.
Erklärungen sind erlaubt. Die Dauerschleife nervt.
Fehlende Nationalspieler erschweren die Vorbereitung. Ein neuer Trainer muss seine Vorstellungen vermitteln. Nicht jeder Ablauf kann sofort sitzen. Das sind nachvollziehbare Umstände.
Nur haben wir Anhänger mittlerweile ein ziemlich gut gefülltes Archiv nachvollziehbarer Umstände.
Mal fehlen Spieler. Mal fehlt Selbstvertrauen. Mal fehlt die Präzision. Und irgendwann sitzt man da und fragt sich, ob vielleicht vor allem das fehlt, wofür man im Fußball Punkte bekommt.
Ich will niemandem pauschal mangelnden Einsatz unterstellen. Aber ich erwarte, dass die Mannschaft ihre Schwierigkeiten zunehmend löst. Dass sie in kritischen Phasen zusammenbleibt. Dass ein misslungener Angriff nicht gleich die nächste Unsicherheit auslöst.
Der Gegner wartet schließlich nicht höflich, bis unser Entwicklungsprozess abgeschlossen ist.
Bitte kein Fußball mit Beipackzettel
Vor einem Derby brauche ich keine großen Kampfansagen. Auch kein Versprechen, dass nun alles anders wird. Solche Sätze sind schnell gesprochen und am Sonntagabend erstaunlich schwer wiederzufinden.
Ich möchte eine Mannschaft sehen, die auf dem Platz Antworten gibt.
Wer geht zum Ball? Wer sichert ab? Wer bietet sich an, wenn es eng wird? Wer übernimmt Verantwortung, wenn der erste Plan nicht funktioniert?
Das klingt wenig glamourös. Aber genau diese Dinge entscheiden häufig darüber, ob man aus Köln mit etwas Zählbarem heimfährt oder schon im Mannschaftsbus die nächste Erklärung vorbereitet.
Für uns Fans ist das Derby ohnehin kein gewöhnlicher Termin. Danach begegnet man schließlich Kollegen, Nachbarn und Bekannten. Manche davon haben leider einen FC-Schal und ein ausgesprochen gutes Gedächtnis.
Blessin bekommt seine Chance. Die Mannschaft bekommt einen Auftrag.
Ich wünsche unserem neuen Trainer, dass er die Borussia stabilisiert. Ehrlich. Niemand gewinnt etwas, wenn wir schon nach einem Testspiel die nächste Grundsatzdebatte eröffnen.
Aber Geduld mit einem Trainer bedeutet nicht, dass wir von der Mannschaft nichts verlangen dürfen.
Wir dürfen erwarten, dass sie sich wehrt. Dass sie konzentriert bleibt. Dass sie Rückschläge verarbeitet und nicht nur hinterher erklärt. Und dass sie versteht, weshalb dieses Derby für die Menschen auf den Rängen und vor den Fernsehern mehr ist als eine weitere Gelegenheit, an Abläufen zu arbeiten.
Am Ende bin ich natürlich wieder dabei. Schal an, Hoffnung an, vernünftige Vorsätze aus.
Ich werde wieder glauben, dass diesmal etwas geht. Wahrscheinlich reicht dafür schon der erste gewonnene Zweikampf. So sind wir eben.
Aber eine Bitte bleibt: Gebt uns nach dem Derby etwas anderes mit als die nächste verständliche Erklärung.
Drei Punkte wären großartig. Eine überzeugende Leistung wäre ein Anfang.
Für Ausreden ist im Fanschal langsam kein Platz mehr.
Vollkommen richtig.
Aber ich habe noch eine Anmerkung. Mir geht schon seit Wochen nicht aus dem Kopf, wie Tim Kleindienst sich vor, während und nach dem Spiel in Freiburg verhalten hat. Als Kapitän kann und muss er sein Team kritisieren. Vor allen Dingen nicht, wenn er selbst sehr schlecht gespielt hat. Aber nicht vor Kameras beleidigen. Und dann nach einem völlig verdienten Platzverweis die Kapitänsbinde wegschmeissen, das geht gar nicht. Das hat etwas mit Charakter zu tun.
Hallo
dem ist wirklich nichts hinzuzufügen!
Unverständlich warum die Spieler die guten Ansätze nicht 90 Minuten zeigen!
Diese Rückfälle sind mir unerklärlich!!!
Die Hoffnung stirbt zuletzt … Frase …. aber was soll man sonst haben!
Toller Kommentar. Schön, dass es klar und deutlich mit Respekt und ohne Polemik geht.
Gerne mehr davon.
Sehr schön beschrieben auf einem argomentatorisch hohem Niveau.
Pflege ich bei.
Wacht aus diesen Träumen auf.