Ein Mitglied der islamistischen Taliban soll künftig die afghanische Botschaft in Berlin leiten. Das berichtet die ARD unter Berufung auf eigene Recherchen.
Demnach wurde die Bundesregierung über diesen Schritt nicht vorab informiert. Sollte sich der Vorgang bestätigen, wäre Deutschland das erste EU-Land, in dem die Taliban faktisch die Kontrolle über eine diplomatische Vertretung ausüben. Die Bundesregierung erkennt die Taliban, die seit August 2021 in Afghanistan an der Macht sind, weiterhin nicht als legitime Regierung an.
Nach Informationen der ARD übernimmt Nebrasul H. die Funktion des Geschäftsträgers und damit die Leitung der Botschaft. Ein Geschäftsträger führt eine diplomatische Vertretung, wenn kein offiziell ernannter Botschafter im Amt ist.
Brisant ist dabei: H. war bereits im Juli vergangenen Jahres mit Zustimmung der deutschen Behörden als Konsularbeamter nach Berlin eingereist. Über die offenbar geplante spätere Übertragung der Botschaftsleitung sollen die Taliban die Bundesregierung jedoch nicht informiert haben.
Der bisherige Leiter der Botschaft, Abdul P., gilt laut ARD intern bereits seit Januar als entmachtet. Nach außen wird er zwar weiterhin als Geschäftsträger geführt, tatsächlich soll er jedoch keine operative Rolle mehr spielen. Die Führung in Kabul habe ihn als nicht ausreichend loyal eingestuft.
Der Vorgang wirft ein Schlaglicht auf die komplizierte Lage im Umgang mit den Taliban. Einerseits lehnt die Bundesregierung eine offizielle Anerkennung weiterhin ab. Andererseits sucht sie in einzelnen Bereichen die Zusammenarbeit – etwa bei der Rückführung afghanischer Straftäter. Ende Februar wurden erstmals seit der Machtübernahme der Taliban wieder Personen nach Afghanistan abgeschoben.
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