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Australiens meistgesuchter Flüchtiger ist tot – doch die entscheidenden Fragen bleiben

OpenClipart-Vectors (CC0), Pixabay
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Sieben Monate lang verschwand Dezi Freeman im Busch. Nun endete die Jagd tödlich. Was in der Zwischenzeit geschah, ist weiter unklar.

Noch vor wenigen Wochen hatten Ermittler erklärt, sie seien „stark überzeugt“, dass Australiens meistgesuchter Mann inzwischen tot sei.

Nun ist klar: Dezi Freeman lebte.
Zumindest bis Montagmorgen.

Der bekannte Verschwörungsideologe und selbst ernannte „Sovereign Citizen“ – also ein Anhänger jener Szene, die staatliche Autorität grundsätzlich ablehnt – wurde nach einer der größten Fahndungen in der jüngeren Geschichte Australiens in einem abgelegenen Camp im Bundesstaat Victoria aufgespürt. Wenig später war er tot.

Freeman, dessen bürgerlicher Name Desmond Filby lautet, hatte sich im August in dichtes Buschland nahe der Kleinstadt Porepunkah abgesetzt – unmittelbar nachdem er zwei Polizisten erschossen hatte, die sein Haus wegen älterer Vorwürfe sexuellen Missbrauchs durchsuchen wollten.

Sieben Monate lang blieb er verschwunden.
Jetzt ist die Fahndung vorbei.
Doch mit seinem Tod beginnen neue Fragen.

Die wichtigste lautet:
Wo war Freeman all die Monate – und wer hat ihm geholfen?

Ein Ende im Morgengrauen

Die entscheidende Szene spielte sich auf einem abgelegenen Grundstück in Thologolong ab, nahe der Grenze zwischen Victoria und New South Wales.

Dort hatten Spezialkräfte offenbar mindestens 24 Stunden lang ein improvisiertes Lager observiert – ein provisorisches Camp mit alten Schiffscontainern, verstreut auf einem ländlichen Anwesen. Schließlich forderten sie Freeman zur Aufgabe auf.

Victoria Police Commissioner Mike Bush sagte später, man habe ihm „jede Möglichkeit“ gegeben, friedlich und sicher herauszukommen.

Er habe sie nicht genutzt.

Nach rund drei Stunden trat Freeman gegen 8.30 Uhr Ortszeit aus einem der drei Container – bewaffnet mit einer Waffe, die den im August getöteten Polizisten entwendet worden war.

Lokale Medien berichten unter Berufung auf Polizeiquellen, mehrere Scharfschützen hätten daraufhin zeitgleich geschossen.

Freeman starb noch vor Ort.

Ein Schock selbst für die Nachbarn

Für die wenigen Menschen in der Gegend kam der Zugriff offenbar überraschend.

Der Besitzer des Grundstücks, ein älterer Landwirt, soll nach Angaben seiner Familie seit Monaten in Tasmanien gewesen sein. Sein Bruder betonte, er habe Freeman weder gekannt noch dessen Weltbild geteilt.

In einem Ort wie Thologolong – gerade einmal 22 Einwohner – ist das bemerkenswert. Denn hier, sagen Anwohner, weiß normalerweise jeder, was der andere tut.

Die Landwirtin Janice Newnham schilderte der BBC, sie habe jüngst einige mit Freemans Namen beschmierte Straßenschilder zunächst für einen verspäteten Aprilscherz gehalten.

Dass ausgerechnet in einer derart kleinen Gemeinde jemand unbemerkt über längere Zeit einen der meistgesuchten Männer des Landes versteckt haben könnte, hält sie für schwer vorstellbar.

Und doch sprechen die Umstände genau dafür.

Ein Flüchtiger, wie gemacht für den Busch

Als Freeman im August verschwand, konzentrierte sich die öffentliche Aufmerksamkeit rasch auf eine Eigenschaft, die ihn von vielen anderen flüchtigen Gewalttätern unterschied:
Er galt als exzellenter Bushman.

Freunde und Einheimische beschrieben ihn als jemanden, der die Berge kenne „wie seine Westentasche“, in der Wildnis leben könne, ohne auf Infrastruktur angewiesen zu sein, und auch abseits aller Versorgung zurechtkomme.

Für die Polizei war genau das ein Problem.

Der frühere Polizeiverhandler Vincent Hurley, heute Dozent an der Macquarie University, erklärt: Wäre ein solches Verbrechen in einer Großstadt passiert, hätte Freeman eine digitale Spur hinterlassen – über Mobiltelefone, Bankkarten, Verkehrsmittel, Kameras, Gesichtserkennung.

Im Busch aber greift all das kaum.

„Sie mussten buchstäblich den Busch durchsuchen“, sagt Hurley.
„Und das ist äußerst selten.“

Vergleichbare Fälle gibt es kaum. Als historisches Beispiel nennt Hurley Malcolm Naden, der in New South Wales fast sieben Jahre lang auf der Flucht war, ehe er 2012 gefasst wurde.

Doch Naden hinterließ Spuren: aufgebrochene Häuser, improvisierte Camps, sogar Unterschlüpfe in einem Zoo.

Freeman dagegen hinterließ – zunächst – fast nichts.

Sieben Monate ohne Spuren? Kaum vorstellbar

Gerade das macht den Fall so rätselhaft.

Denn je länger die Fahndung dauerte, desto stärker wuchs bei den Ermittlern der Verdacht, dass Freeman nicht allein überlebt haben kann.

Commissioner Bush sagte offen, die Polizei gehe davon aus, dass es Unterstützer gegeben habe.

„Wir wollen herausfinden, wer – falls überhaupt jemand, aber wir vermuten es – ihm geholfen hat, aus Porepunkah zu entkommen“, sagte er.
„Wenn jemand beteiligt war, wird er zur Verantwortung gezogen.“

Theoretisch wäre es möglich, die rund 150 Kilometer zwischen Porepunkah und Thologolong zu Fuß zurückzulegen. Praktisch erscheint das wenig plausibel.

Das Gelände ist bergig, dicht bewaldet und schwer zugänglich. Hinzu kommen extreme Wetterbedingungen: Im August lagen die Temperaturen teils unter dem Gefrierpunkt, im Sommer stiegen sie auf bis zu 40 Grad.

Ohne Schutz, Versorgung und Logistik wäre ein monatelanges Überleben dort kaum realistisch.

War das Versteck neu?

Hinzu kommt ein weiteres Detail: Polizeiquellen zufolge könnte Freeman erst kürzlich auf das Grundstück gekommen sein.

Das wäre bedeutsam, denn im Januar zogen schwere Buschbrände durch die Region – bis auf weniger als einen Kilometer an das spätere Versteck heran.

Die Gegend war damals evakuiert, Rettungskräfte waren überall im Einsatz, Hubschrauber kreisten über dem Gebiet. Wer sich zu diesem Zeitpunkt bereits in dem Container aufgehalten hätte, wäre enormen Risiken ausgesetzt gewesen – und womöglich entdeckt worden.

Anwohnerin Newnham sagt, die Temperaturen seien während der Feuer bei rund 40 Grad gelegen. In einem Metallcontainer müsse es „unerträglich heiß“ gewesen sein.

All das spricht dafür, dass Freeman den Ort entweder erst spät bezog – oder dort nicht durchgehend lebte.

Bilder vom Camp nähren Verdacht auf Helfer

Auch Fotos des Camps, die australische Medien veröffentlichten, deuten darauf hin, dass Freeman nicht isoliert war.

Laut einem Bericht des Sydney Morning Herald, der sich auf nicht namentlich genannte Polizeiquellen stützt, waren an einem der Container frisch installierte rotierende Lüftungsaufsätze zu sehen – eine Arbeit, die wahrscheinlich mehr als eine Person erfordert.

Daneben seien auf Bildern drei Campingstühle sowie eine offene Kiste Bier erkennbar.

Nichts davon beweist unmittelbar eine Komplizenschaft. Aber es passt kaum zum Bild eines völlig allein lebenden Flüchtigen, der monatelang nur mit dem Nötigsten im Unterholz überlebt.

Wer half ihm – und warum?

Freemans Familie hat seine Taten nach Angaben australischer Medien scharf verurteilt. Seine Ehefrau soll von den Ereignissen am Montag überrascht worden sein – offenbar war auch sie davon ausgegangen, er sei längst tot.

Für Vincent Hurley liegt deshalb nahe, dass mögliche Helfer eher aus Freemans ideologischem Umfeld stammen könnten.

Freeman war tief in der sogenannten Sovereign-Citizen-Bewegung verankert – einer Szene, die staatliche Institutionen nicht anerkennt und glaubt, Gesetze gälten für ihre Anhänger nicht.

Hurley glaubt, nur Menschen mit ähnlicher Weltanschauung hätten überhaupt ein Motiv gehabt, einen Mann wie Freeman zu schützen.

„Kein vernünftiger Mensch dort unten hätte ihn unterstützt“, sagt er – allein wegen der Brutalität des Verbrechens.

Hinzu kommt: Freeman galt als Einzelgänger. Das schränkt den Kreis möglicher Helfer weiter ein.

Wer verriet das Versteck?

Mindestens ebenso spannend ist die Frage, wie die Polizei überhaupt auf das Versteck kam.

Bush bestätigte, die Ermittler hätten „Informationen erhalten“, die zum Lager führten. Mehr wollte er nicht sagen.

Auch zur Belohnung von einer Million australischen Dollar für Hinweise äußerte er sich nur knapp: Niemand habe sie bislang beansprucht.

Alles, was die Herkunft des Hinweises, mögliche Zahlungen oder operative Details betreffe, sei „absolut vertraulich“.

Bush deutete sogar an, dass die Öffentlichkeit diese Hintergründe womöglich nie erfahren werde.

„Ich bin ziemlich sicher, dass wir diese Details niemals teilen werden.“

Das ist nachvollziehbar – und zugleich frustrierend.

Denn genau an diesem Punkt verdichtet sich der Fall vom spektakulären Polizeieinsatz zur offenen kriminalistischen Leerstelle.

Ergeben wollte er sich wohl nie

Hurley ist überzeugt, dass Freeman niemals lebend in Gewahrsam gegangen wäre.

Für jemanden mit seinem Weltbild – tief staatsfeindlich, radikalisiert, von Selbstüberhöhung geprägt – wäre eine Festnahme die ultimative Demütigung gewesen.

„Lebend gefasst zu werden, das wäre für ihn der größte Verrat an sich selbst gewesen“, sagt Hurley.

So betrachtet, war Freemans monatelange Flucht nicht nur ein Versuch zu entkommen. Sie war auch eine Inszenierung: eine fortgesetzte Provokation gegenüber genau jener Staatsmacht, die er verachtete.

Oder, wie Hurley es formuliert:
Freeman habe der Polizei in ganz Australien „symbolisch den Mittelfinger gezeigt“.

Der Fall ist beendet – aber nicht geklärt

Mit Freemans Tod endet eine monatelange Fahndung, die Australien in Atem hielt. Für die Angehörigen der getöteten Beamten mag das eine Form von Abschluss sein. Für andere bleibt vor allem Unruhe.

Denn die großen Fragen stehen weiter im Raum:

  • Wo hielt sich Freeman in den vergangenen sieben Monaten wirklich auf?
  • Wie bewegte er sich unentdeckt durch ein schwer zugängliches Gebiet?
  • Wer versorgte ihn mit Nahrung, Ausrüstung oder Informationen?
  • Wer installierte das Lager – und wer wusste davon?
  • Und wer gab am Ende den entscheidenden Hinweis?

Der Mann ist tot.
Der Mythos eines unauffindbaren Busch-Flüchtigen auch.

Aber die Geschichte selbst ist noch nicht zu Ende.

Denn manchmal beendet ein tödlicher Schuss nicht die Erzählung – sondern nur die Möglichkeit, sie je vollständig aufzuklären.

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