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„Alle haben Angst zu sterben“: Gewalt überschattet die Mobilisierung in der Ukraine

ChiaJo (CC0), Pixabay
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Die Ukraine hat immer größere Schwierigkeiten, genügend Soldaten für den Krieg gegen Russland zu rekrutieren. Gleichzeitig nimmt die Gewalt rund um die Mobilisierung zu – sowohl gegen Rekrutierungsoffiziere als auch durch Angehörige der Einberufungsstellen selbst.

Einer, der diese Entwicklung am eigenen Leib erfahren hat, ist der ukrainische Soldat Wassyl Krupytsch. Er kämpfte in schweren Gefechten im Donbass und überlebte Angriffe russischer Truppen. Im vergangenen Dezember wurde er jedoch nicht an der Front, sondern bei einem Einsatz im Hinterland schwer verletzt.

Krupytsch war mit einer Patrouille unterwegs, um mutmaßliche Wehrdienstverweigerer zu kontrollieren. Zwei Männer sollen sich geweigert haben, ihre Dokumente zu zeigen, und geflohen sein. Bei der anschließenden Verfolgung wurde der Soldat nach eigenen Angaben mit einer Brechstange angegriffen. Er erlitt unter anderem einen Rippenbruch und musste sechs Wochen im Krankenhaus behandelt werden.

„Wofür haben wir gekämpft, wenn Soldaten jetzt geschlagen werden können?“, fragt der Veteran.

Mehr als 600 Angriffe auf Rekrutierungskräfte

Nach Angaben der ukrainischen Militärbeauftragten sind Angriffe auf Angehörige der Rekrutierungsstellen inzwischen keine Einzelfälle mehr. Die nationale Polizei registrierte bislang mehr als 600 Übergriffe und warnte vor einer zunehmend bedrohlichen Entwicklung.

Im April wurden mehrere Rekrutierungsoffiziere mit Messern angegriffen, einer von ihnen tödlich. In Lwiw umringten kürzlich etwa 200 Menschen Beamte, die einen mutmaßlichen Wehrdienstverweigerer festnehmen wollten. Die Menge beschädigte das Fahrzeug der Einsatzkräfte und kippte es um.

Präsident Wolodymyr Selenskyj verurteilte die Gewalt gegen Soldaten. Zugleich erschweren politische Veränderungen eine schnelle Reform des Einberufungssystems. Nach der Entlassung von Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow könnten geplante Maßnahmen zunächst ins Stocken geraten.

Angst, Erschöpfung und ein Krieg ohne Ende

Die Ursachen für die wachsende Ablehnung der Mobilisierung sind vielfältig. Viele Ukrainer kennen inzwischen Menschen, die verwundet oder getötet wurden. Hinzu kommt die Sorge vor einem Krieg, dessen Ende nicht absehbar ist.

Nach dem ersten großen Zustrom von Freiwilligen zu Beginn der russischen Invasion gab es nur noch einmal eine stärkere Welle der Unterstützung: während der ukrainischen Gegenoffensive im Jahr 2023. Als diese nicht den erhofften Erfolg brachte und die Verluste weiter stiegen, verschärfte sich die Mobilisierung.

Der oppositionelle Abgeordnete Oleksandr Hontscharenko spricht von einer Phase der „brutalen Mobilisierung“. Rekrutierungskräfte würden Männer auf der Straße suchen und teilweise mit Gewalt vorgehen. Dies habe die Wut in der Bevölkerung verstärkt.

„Gewalt führt zu Gewalt“, sagt Hontscharenko. Das Problem werde sich seiner Einschätzung nach weiter verschärfen.

„Busifizierung“ als Symbol des Zwangs

In der Ukraine hat sich für besonders aggressive Rekrutierungsmethoden der Begriff „Busifizierung“ eingebürgert. Gemeint sind mobile Patrouillen, die Männer auf der Straße kontrollieren und teilweise gegen ihren Willen in Fahrzeuge bringen.

Der Militärexperte Iwan Stupak erklärt, die ukrainische Führung habe wegen der hohen Verluste und des akuten Personalmangels immer mehr Soldaten benötigt. Wenn kurzfristig Tausende Männer gebraucht würden, steige der Druck auf die Rekrutierungsstellen. Weigerten sich Betroffene, komme es immer häufiger zu Auseinandersetzungen.

Doch nicht nur Rekrutierungsoffiziere werden angegriffen. Auch gegen sie selbst gibt es zahlreiche Vorwürfe.

Tausende Beschwerden über Rekrutierungsstellen

Der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte registrierte im vergangenen Jahr mehr als 6.000 Beschwerden über das Vorgehen von Rekrutierungskräften. Das waren etwa doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Gemeldet wurden unter anderem Misshandlungen, unrechtmäßige Festnahmen und schlechte Bedingungen in Rekrutierungszentren.

Der Universitätsprofessor Kyrylo Ogdansky berichtet, er sei im vergangenen November in Dnipro von Männern in Zivil angesprochen worden, die seinen Wehrstatus überprüfen wollten. Obwohl er vom Militärdienst befreit sei, habe man ihn angegriffen.

Nach seiner Darstellung schlugen die Männer ihm das Telefon aus der Hand, stießen ihn in einen Kleinbus und trafen ihn mehrfach im Gesicht. Einer der Beteiligten habe ihm gedroht, ihn direkt an die Front nach Pokrowsk zu schicken.

Ogdansky verbrachte zwei Wochen im Krankenhaus und erstattete offiziell Beschwerde. Öffentlich über den Vorfall zu sprechen, sei ihm schwergefallen, da Russland solche Fälle für seine Propaganda nutze.

Dennoch müsse das Problem benannt werden, sagt er. Schweigen werde nichts verändern. Kein Beamter habe das Recht, Menschen auf diese Weise zu behandeln.

Soldaten fühlen sich im Stich gelassen

Für Wassyl Krupytsch ist die Entwicklung besonders bitter. Er meldete sich zu Beginn des Krieges freiwillig und überlebte einige der schwersten Gefechte. Bei einem Drohnenangriff wurde er schwer verletzt. Einen Kameraden konnte er retten, zwei weitere sah er in einem getroffenen Fahrzeug sterben.

Heute leidet er unter Albträumen. Besonders schmerzt ihn die wachsende Distanz zwischen jenen, die jahrelang gekämpft haben, und jenen, die alles tun, um den Militärdienst zu vermeiden.

„Wir haben unsere Pflicht erfüllt. Wir haben gekämpft und unser Volk verteidigt. Und jetzt greifen sie uns an“, sagt er.

Als mögliche Anreize für neue Rekruten nennt Krupytsch höhere Gehälter. Gleichzeitig glaubt er nicht, dass die Ukraine vollständig auf Zwang verzichten könne. Die Soldaten an der Front müssten abgelöst werden, doch kaum jemand melde sich noch freiwillig.

„Alle haben Angst zu sterben“, sagt er.

Reformen begonnen, Lösung weiter offen

Der frühere Verteidigungsminister Fedorow hatte erste Reformen angestoßen, um den Militärdienst attraktiver zu machen. Vorgesehen waren befristete Verträge für neue Rekruten, bessere Bezahlung und die Möglichkeit, nach dem Ende eines Vertrags zunächst keinen weiteren Dienst leisten zu müssen.

Auch eine stärkere Beteiligung der Polizei an Rekrutierungseinsätzen, eine bessere Ausbildung der Beamten und psychologische Eignungstests wurden diskutiert.

Die ukrainische Regierung räumt inzwischen offen ein, dass das derzeitige System erhebliche Probleme verursacht. Eine umfassende Lösung gibt es jedoch nicht. Während der Personalmangel an der Front wächst, nimmt im Hinterland der Widerstand gegen die Mobilisierung weiter zu.

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