Zwei tote Piloten, Dutzende Verletzte, ein Schock für Kanada – und Air Canadas Konzernchef schafft es in diesem Moment ausgerechnet, die halbe Nation vor den Kopf zu stoßen.
Nach der tödlichen Kollision eines Air-Canada-Flugzeugs mit einem Feuerwehrfahrzeug am Flughafen LaGuardia in New York hat Premierminister Mark Carney der Fluggesellschaft mangelndes Feingefühl vorgeworfen. Der Grund: Konzernchef Michael Rousseau veröffentlichte seine Beileidsbotschaft zunächst nur auf Englisch. In Kanada, wo Englisch und Französisch Amtssprachen sind, ist das nicht bloß ein Fauxpas. Es ist ein politischer Reizstoff.
Carney sprach von einem „Mangel an Mitgefühl“. Und tatsächlich wirkt der Vorgang wie ein Lehrstück darüber, wie man in einer nationalen Krisensituation maximal ungeschickt kommuniziert. Zumal einer der beiden getöteten Piloten, Antoine Forest, aus dem frankophonen Québec stammt. Ausgerechnet den Angehörigen eines französischsprachigen Opfers signalisiert der Chef der nationalen Fluglinie also: Für eine Botschaft in ihrer Sprache hat es offenbar nicht gereicht.
Dabei ist Air Canada nicht irgendein Privatunternehmen, das sich nach Belieben aus der Affäre ziehen kann. Die Airline unterliegt trotz Privatisierung weiterhin dem Official Languages Act – und damit der Pflicht, in beiden Amtssprachen zu kommunizieren. Genau deshalb wurde Rousseau nun vom Parlamentsausschuss für Amtssprachen nach Ottawa zitiert. Dort soll er erklären, warum seine erste Reaktion auf eine Tragödie mit nationaler Aufmerksamkeit sprachlich derart einseitig ausfiel.
Es ist nicht das erste Mal, dass Rousseau mit dem Thema aneckt. Schon 2021 stand er in der Kritik, weil er trotz jahrelangen Lebens in Montréal kaum Französisch sprach. Seine damalige Ausrede – wer seinen Terminkalender kenne, verstehe das – war ein PR-Desaster. Nun folgt die nächste Eskalation. In Québec werden bereits Rücktrittsforderungen laut. Premier François Legault stellt offen infrage, ob jemand Air Canada führen sollte, der die Sprache eines wesentlichen Teils des Landes nicht beherrscht.
Die Tragödie von LaGuardia wird weiterhin untersucht. Die US-Ermittler rekonstruieren derzeit die letzten Minuten vor dem Zusammenstoß. Doch in Kanada läuft längst eine zweite Untersuchung: Wie kann es sein, dass die nationale Fluglinie in einem Moment des Trauerns an der sprachlichen Realität des eigenen Landes vorbeikommuniziert?
Die Antwort könnte unerquicklich einfach sein:
Weil man bei Air Canada offenbar noch immer glaubt, Zweisprachigkeit sei Kür – nicht Pflicht.
Kommentar hinterlassen