Seit Montagabend ist Afghanistan fast vollständig vom weltweiten Internet abgeschnitten. Nach übereinstimmenden Berichten haben die Taliban das nationale Glasfasernetzwerk kappen lassen – offiziell, um „Unmoral“ zu bekämpfen. In Wahrheit droht die Abschaltung zu einem massiven Rückschritt in allen Lebensbereichen zu werden. Besonders Frauen trifft der digitale Blackout hart – denn das Netz war für viele die letzte Verbindung zur Außenwelt.
Nach Angaben der Organisation Netblocks, die weltweit Internetzugänge überwacht, ist der Zugang in Afghanistan auf rund ein Prozent der normalen Kapazität eingebrochen. Das Muster entspreche einer gezielten Netzsperre, heißt es in der Analyse. Auch Mobilfunkdienste seien in fast allen Regionen blockiert.
„8.000 bis 9.000 Sendemasten abgeschaltet“
Ein Sprecher der Taliban-Regierung bestätigte gegenüber der Nachrichtenagentur AFP, dass das Glasfasernetz „bis auf Weiteres“ außer Betrieb genommen werde. Die Maßnahme betreffe 8.000 bis 9.000 Telekommunikationsmasten im ganzen Land. Begründet wurde der Schritt mit dem Ziel, „unmoralische Inhalte“ zu unterbinden. Beobachter werten die Maßnahme jedoch als gezielten Versuch, Kontrolle über Informationen zu erlangen und den Zugang zu unabhängigen Medien zu unterbinden.
Der Taliban-Funktionär räumte zugleich ein, dass die Auswirkungen enorm seien: „Es gibt keine andere Möglichkeit oder kein anderes System, um zu kommunizieren. Der Bankensektor, der Zoll, alles im ganzen Land wird davon betroffen sein.“
Damit steht das Land faktisch still – keine Überweisungen, kein E-Government, kein Handel. Auch Hilfsorganisationen und Schulen, die auf digitale Kommunikation angewiesen sind, stehen vor dem Aus.
Frauen verlieren letzte Stimme
Besonders dramatisch ist die Lage für Frauen und Mädchen. Seit der Machtübernahme der Taliban 2021 sind sie aus Bildung, Politik und Öffentlichkeit weitgehend verdrängt worden. Viele nutzten das Internet, um online zu lernen, heimlich zu arbeiten oder Kontakt zu internationalen Hilfsnetzwerken zu halten. Nun ist auch dieser Kanal blockiert.
Eine Sprecherin der UNO-Frauenorganisation UN Women warnte am Dienstag in Genf:
„Das Internet war für Afghanistinnen die letzte Brücke zur Welt. Ohne digitale Teilhabe droht eine vollständige Isolation.“
Menschenrechtsaktivisten sehen in der Netzabschaltung einen weiteren Schritt zur totalen Kontrolle. „Wer das Internet abschaltet, löscht die Stimmen derjenigen, die sich nicht wehren können“, sagte die afghanische Journalistin Farida Ahmadi im Exil gegenüber dem britischen „Guardian“.
UNO fordert sofortige Wiederherstellung
Die Vereinten Nationen zeigten sich alarmiert. In einer Stellungnahme betonte ein Sprecher des UN-Menschenrechtsrats, der Ausfall sei „nicht nur eine technische Störung, sondern eine Menschenrechtsfrage“. Die UNO forderte die sofortige Wiederherstellung der Netzverbindungen und erinnerte daran, dass der Zugang zu Information und Kommunikation ein elementares Recht sei.
Auch internationale Hilfswerke sind betroffen: Ohne Internet können viele Hilfsprogramme, Lieferketten und Gehaltszahlungen nicht fortgesetzt werden. Das Welternährungsprogramm (WFP) warnte, dass Hilfslieferungen „massiv behindert“ seien.
Ein Land im digitalen Dunkel
Afghanistan, das ohnehin zu den ärmsten Ländern der Welt gehört, versinkt mit der Netzsperre in eine digitale Isolation. Experten befürchten, dass die Taliban durch den Informationsstillstand ihre Macht weiter festigen könnten – während Millionen Menschen in Armut, Angst und Abhängigkeit zurückbleiben.
„Die Taliban bekämpfen nicht Unmoral, sondern Sichtbarkeit“, sagt der Medienforscher Dr. Karim Noori. „Wer niemanden mehr erreichen kann, existiert für die Welt nicht.“
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