– Am 1. Oktober 2025 jährt sich die Widmung von Mount Rushmore zum 100. Mal. Das Monument, mit seinen gewaltigen 18 Meter hohen Porträtköpfen von vier US-Präsidenten in den Granit der Black Hills gemeißelt, gilt als nationales Wahrzeichen – und gleichzeitig als ein umstrittenes Symbol des amerikanischen Umgangs mit seiner indigenen Geschichte.
Ein Denkmal mit zwei Gesichtern
Für viele Amerikaner steht Mount Rushmore für nationale Einheit und patriotischen Stolz. George Washington, Thomas Jefferson, Abraham Lincoln und Theodore Roosevelt repräsentieren laut offizieller Erzählung die Gründung, Ausdehnung, Erhaltung und Entwicklung der Vereinigten Staaten.
Doch für viele indigene Völker – insbesondere die Lakota Sioux, denen das Land einst per Vertrag zugesprochen wurde – symbolisiert Mount Rushmore die Verdrängung, Enteignung und kulturelle Auslöschung durch europäischstämmige Siedler.
„Für manche ist es ein Ort des Stolzes – für andere ein Symbol des Unrechts“, sagt der Lokalautor Tom Lawrence. „Ich liebe Rushmore, aber ich kenne die Geschichte dahinter.“
Die Entstehung: Tourismus trifft Nationalismus
Die Idee für das Denkmal stammt aus den 1920er-Jahren: Der Historiker Doane Robinson wollte mit einem monumentalen Kunstwerk den Tourismus nach South Dakota ankurbeln. Bildhauer Gutzon Borglum, der später Verbindungen zur Ku-Klux-Klan-Bewegung unterhielt, übernahm das Projekt und verlagerte den Fokus von Wildwest-Persönlichkeiten auf vier Präsidenten.
Die Arbeiten begannen 1927 – zwei Jahre nach der Widmung als nationales Denkmal. Borglum starb 1941, kurz bevor das Werk vollendet wurde; sein Sohn Lincoln führte die letzten Arbeiten aus.
Kulturelle Kritik: Gebaut auf „gestohlenem Land“
Mount Rushmore wurde auf einem Felsmassiv errichtet, das die Lakota als „Six Grandfathers“ verehrten – ein spiritueller Ort, der ihnen laut einem Vertrag von 1868 gehörte. Nach dem Fund von Gold in der Region wurde das Gebiet 1877 widerrechtlich durch die US-Regierung konfisziert.
„Als sie begannen, in den Black Hills zu schnitzen, mochten unsere Leute das nicht – aber wir hatten kein Mitspracherecht“, erklärt Darrell Red Cloud, Nachfahre des berühmten Lakota-Führers Chief Red Cloud.
Besonders kontrovers ist die Darstellung Abraham Lincolns: Während er für viele als Befreier der Sklaven gilt, steht er in der Erinnerung der Lakota auch für das größte Massenhinrichtungsurteil der US-Geschichte, als 1862 während des Dakota-Krieges 38 indigene Männer gehängt wurden.
Forderung nach neuer Perspektive statt Erweiterung
Immer wieder wurde über eine Erweiterung des Monuments spekuliert – etwa durch die Aufnahme von Donald Trump. Doch Experten und die Nationalparkverwaltung erklären das aus technischen und ästhetischen Gründen für unmöglich.
Auch die Nachfahren Borglums lehnen eine Erweiterung ab. Stattdessen plädieren Historiker und indigene Stimmen für eine ehrlichere Darstellung der Geschichte, beispielsweise durch zusätzliche Informationstafeln, Ausstellungen oder Gedenkorte.
„Ein Kunstwerk und ein Mahnmal zugleich“
Inzwischen besuchen jährlich rund 1,8 Millionen Menschen das Monument – weniger als in früheren Jahren. Und viele davon sehen es differenzierter:
„Man kann das handwerkliche Können bewundern und trotzdem traurig über den Prozess sein, der zu seiner Entstehung führte“, sagt Tom Lawrence.
„Als Kind habe ich nie gehört, dass es auf gestohlenem Land steht. Heute wollen wir die ganze Geschichte erzählen – und das ist gut so.“
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