Der kanadische Premierminister Mark Carney ist zu einem richtungsweisenden Besuch in Indien eingetroffen. Ziel der Reise ist es, die Beziehungen zur weltweit größten Demokratie neu zu beleben – nachdem sie in den vergangenen Jahren auf einem Tiefpunkt angekommen waren. Zugleich wollen beide Länder ihre wirtschaftliche Abhängigkeit von den USA verringern.
Carney startete seine Reise in Mumbai mit Treffen mit Wirtschaftsvertretern. Anschließend reist er nach Neu-Delhi zu Gesprächen mit Premierminister Narendra Modi. Die Visite markiert eine bemerkenswerte Kehrtwende: Noch 2023 hatte Kanada Indien beschuldigt, in die Tötung des Sikh-Separatisten Hardeep Singh Nijjar in British Columbia verwickelt zu sein. Indien wies die Vorwürfe entschieden zurück. Die diplomatischen Spannungen führten zu gegenseitigen Ausweisungen von Diplomaten und eingefrorenen Gesprächen.
Nun scheinen beide Seiten bereit, nach vorn zu blicken.
Kanada sucht neue Handelspartner
Für Carney steht vor allem die wirtschaftliche Diversifizierung im Vordergrund. Angesichts hoher US-Zölle bemüht sich Ottawa verstärkt darum, neue Handelspartner zu gewinnen. Ein umfassendes Freihandelsabkommen mit Indien wird seit rund 15 Jahren diskutiert, kam jedoch nie zustande.
Die jüngste Unterbrechung der Verhandlungen folgte auf die Anschuldigungen der damaligen Trudeau-Regierung im Fall Nijjar. Vier Männer wurden später angeklagt, das Verfahren läuft noch. Indien bestreitet weiterhin jede Beteiligung.
Unter Carneys pragmatischerem außenpolitischem Kurs setzt Kanada nun auf Annäherung. Dennoch bleibt das Thema sensibel. Teile der kanadischen Sikh-Gemeinschaft kritisieren, Ottawa stelle wirtschaftliche Interessen über Sicherheitsbedenken und verweisen auf angebliche transnationale Einschüchterungsversuche durch Indien.
Kanadische Regierungsvertreter betonen jedoch, man führe „robuste“ Gespräche über nationale Sicherheit und ausländische Einflussnahme. Derzeit sehe man keine Hinweise darauf, dass die indische Regierung mit gewalttätigen Aktivitäten in Kanada in Verbindung stehe.
Carneys Reiseplan unterstreicht seine Prioritäten: Anders als frühere Premierminister verzichtet er auf symbolträchtige Besuche kultureller Stätten oder einen Abstecher nach Punjab, der Heimat vieler indischer Sikhs. Stattdessen konzentriert er sich auf Wirtschaftszentren und Regierungsgespräche.
Im Fokus stehen Energie, Technologie, künstliche Intelligenz, Verteidigung sowie die Anwerbung qualifizierter Fachkräfte. Zudem dürften Carney und Modi über die Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump sprechen, die beide Volkswirtschaften belastet.
Kanada ist derzeit das einzige G7-Land ohne bevorzugtes Handelsabkommen mit Indien – ein Umstand, der nach Ansicht von Experten zusätzlichen Handlungsdruck erzeugt.
Für Modi ein doppelter Gewinn
Auch für Indien kommt die Annäherung zur rechten Zeit. Noch 2024 lieferten sich beide Länder einen offenen diplomatischen Schlagabtausch. Doch inzwischen hat sich die Lage verändert.
Indien verfolgt eine aktivere Handelspolitik und hat zuletzt mehrere Freihandelsabkommen abgeschlossen. Gleichzeitig sieht sich auch Neu-Delhi mit hohen US-Zöllen konfrontiert. Zeitweise waren indische Exporte in die USA mit Zöllen von bis zu 50 Prozent belegt. Zudem steht Indien unter Druck, seine Ölimporte aus Russland zu reduzieren.
Vor diesem Hintergrund gewinnt Kanada als Energiepartner an Bedeutung.
Die Regierung Modi setzt stark auf den Ausbau der zivilen Kernenergie und plant neue Reaktoren. Dafür benötigt Indien langfristig gesicherte Uranlieferungen. Beobachter rechnen mit einem Zehnjahresabkommen zur Uranversorgung.
Auch Vereinbarungen über verstärkte Lieferungen von kanadischem Rohöl und Erdgas gelten als wahrscheinlich. Für Indien ist jeder Partner attraktiv, der zur Diversifizierung der Energiequellen beiträgt und Versorgungssicherheit bei Uran, Öl, Gas und Kohle gewährleistet.
Innenpolitisch kann Modi die Annäherung ebenfalls als Erfolg darstellen: Nach den diplomatischen Spannungen erscheint Indien nun als selbstbewusster Akteur, der internationalen Druck standhält.
Neue globale Realitäten
Carney selbst sprach zuletzt von einem weltweiten „Bruch“ statt einer bloßen Übergangsphase. In einer Welt, in der handelspolitische Maßnahmen zunehmend als geopolitisches Druckmittel eingesetzt werden, suchen mittlere Mächte verstärkt nach gegenseitiger Unterstützung.
Die rasche Normalisierung der Beziehungen zwischen Ottawa und Neu-Delhi zeigt, wie sehr beide Regierungen die veränderten globalen Rahmenbedingungen erkannt haben.
Für Kanada bedeutet der Besuch eine diplomatische Gratwanderung zwischen wirtschaftlichen Interessen und innenpolitischer Sensibilität. Für Indien ist er eine strategische Chance – wirtschaftlich wie politisch.
Ob daraus ein dauerhaft stabiles Bündnis entsteht, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Klar ist jedoch: Beide Seiten sehen in der Annäherung mehr Vorteile als Risiken.
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