Die kanadische Arktis ist riesig, dünn besiedelt – und zunehmend ein geopolitisches Spannungsfeld. Zwischen Russland im Osten und den USA im Westen gelegen, sieht sich Kanada zunehmend gezwungen, seine militärische Präsenz im hohen Norden auszubauen. Ministerpräsident Mark Carney versprach jüngst in Davos „mehr Soldaten, mehr Radare, mehr U-Boote“.
Ein Grund dafür: Die Region ist sicherheitspolitisch wieder in den Fokus geraten – auch wegen der aggressiven Rhetorik und Forderungen von US-Präsident Donald Trump, der unlängst erneut mit der Idee einer US-Übernahme Grönlands provozierte. Washington sorgt sich um Schwachstellen in der Arktisverteidigung und hat die „amerikanische Dominanz“ in den nördlichen Seewegen zur Priorität erklärt.
Eine Region der Extreme – mit dünner Abwehr
Mit knapp vier Millionen Quadratkilometern Fläche ist Kanadas arktisches Territorium größer als ganz Westeuropa. Doch militärisch ist es dünn aufgestellt: Acht bemannte Stützpunkte, veraltete Radaranlagen und etwa 100 Küstenwächter sichern eine 160.000 Kilometer lange Küstenlinie.
Im Ernstfall wäre das nicht genug, sagen Experten. Vor allem im Zeitalter von Hyperschallwaffen – wie sie Russland bereits in der Ukraine eingesetzt hat – sei das bisherige Frühwarnsystem nicht mehr zeitgemäß. „Was wir derzeit haben, schützt uns nicht. Null Prozent“, warnt Troy Bouffard vom Center for Arctic Security in Alaska.
Die USA setzen deshalb auf neue, über den Horizont reichende Radarsysteme und eine „Golden Dome“-Raketenabwehr für Nordamerika. Trump fordert Kanadas Beteiligung – andernfalls, so polemisierte er auf Truth Social, könne Kanada ja „als 51. Bundesstaat kostenlos mitmachen“.
Politische Reibung, militärische Zusammenarbeit
Ottawa weist Trumps Ton zurück, zeigt sich aber wachsam. Die Verteidigungsausgaben sollen bis 2035 auf fünf Prozent des BIP steigen. Ex-General Pierre Leblanc nennt das einen „echten Kurswechsel“ in Kanadas Nordpolitik. Neue Flugzeuge, Satelliten und Stützpunkte sind in Planung.
Zugleich bleibt die Stimmung zwischen den Regierungen angespannt. Kanadas UN-Botschafter Bob Rae verglich Trumps Forderungen mit einem „Schutzgeldsystem“. Doch auf militärischer Ebene funktioniert die Kooperation mit den USA weiterhin – noch. „Die Soldaten machen ihren Job“, sagt Bouffard. „Solange sie dürfen.“
Bevölkerung schrumpft – Bedrohung wächst
Die Realität vor Ort: Eine Bevölkerung kaum größer als die von Wuppertal verteilt sich auf ein Gebiet, das dreimal so groß ist wie Alaska. Während Russland seine Arktis-Militärpräsenz kontinuierlich ausbaut und China sich selbst zum „Beinahe-Arktisstaat“ erklärt hat, muss Kanada nun zeigen, dass es mehr ist als bloß ein geopolitisches Niemandsland.
Mark Carneys Versprechen ist klar – nun muss das dünn besiedelte Land liefern. Die Arktis wartet nicht.
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