US-Präsident Donald Trump und führende Mitglieder seiner Regierung haben die jüngsten Militärschläge gegen Iran mit einer akuten Bedrohung für die Vereinigten Staaten begründet. Teheran stehe kurz davor, Atomwaffen zu entwickeln und ballistische Raketen zu bauen, die das US-Festland erreichen könnten, hieß es aus dem Weißen Haus.
Sicherheits- und Iran-Experten widersprechen dieser Darstellung jedoch deutlich. Die Behauptung, Iran sei unmittelbar vor dem Bau einer Atombombe gestanden, „entspricht nicht der Wahrheit“, sagte Matthew Bunn, Rüstungskontrollexperte an der Harvard Kennedy School.
Die USA und Israel hatten am 28. Februar koordinierte Angriffe auf iranische Ziele geflogen. Dabei wurden nach iranischen Medienberichten 201 Menschen getötet und 747 weitere verletzt. Offizielle internationale Bestätigungen dieser Zahlen stehen bislang aus. In den Angriffen kam nach US- und israelischen Angaben auch Irans Oberster Führer Ajatollah Ali Chamenei ums Leben. Zuvor hatte das iranische Außenministerium erklärt, Chamenei und Präsident Massud Peseschkian seien „wohlauf“.
Regierung spricht von „inakzeptablem Risiko“
Hochrangige Vertreter der Trump-Regierung verteidigten die Operation in Hintergrundgesprächen mit Journalisten als notwendig. Iran stelle durch die Entwicklung weitreichender Raketen ein „inakzeptables Risiko“ für die Sicherheit der USA dar.
Trump hatte bereits in seiner Rede zur Lage der Nation am 24. Februar erklärt, Iran stehe kurz vor der Fertigstellung einer Atombombe und arbeite an Raketen, die bald amerikanisches Territorium erreichen könnten. Diese Einschätzung bekräftigte er nach den Angriffen in einer Videobotschaft.
Bis zuletzt hatten die USA versucht, in indirekten Gesprächen mit Teheran eine diplomatische Lösung zu erzielen. Eine dritte Verhandlungsrunde endete jedoch ohne Durchbruch. Nach Angaben eines Regierungsvertreters habe Iran sich geweigert, über sein Raketenprogramm zu sprechen – weder innerhalb noch außerhalb der Gespräche. Das sei für Washington nicht akzeptabel gewesen.
Ein weiterer US-Offizieller erklärte, Geheimdienstinformationen hätten darauf hingedeutet, dass Iran drei im vergangenen Sommer bombardierte Nuklearanlagen wiederaufbaue. Zudem verfüge das Land über fast 450 Kilogramm Uran mit einem Anreicherungsgrad von 60 Prozent. Dieses Material könne innerhalb kurzer Zeit auf 90 Prozent – waffenfähiges Niveau – weiterangereichert werden, so die Darstellung der Regierung.
Iran betont hingegen seit Jahren, sein Atomprogramm diene ausschließlich zivilen Zwecken wie der Energiegewinnung.
Experten zweifeln an atomarer Bedrohung
Mehrere Fachleute stellen infrage, ob Iran derzeit überhaupt in der Lage ist, Uran auf 90 Prozent anzureichern. Nach den US-Angriffen im vergangenen Juni seien zentrale Einrichtungen des iranischen Atomprogramms zerstört worden, sagte Bunn. Auch wichtige Experten seien dabei ums Leben gekommen.
„Die entscheidenden Anlagen existieren in dieser Form nicht mehr“, so Bunn. Zwar könne Iran Teile seines angereicherten Urans in Sicherheit gebracht haben, doch eine funktionierende Infrastruktur zur Herstellung von waffenfähigem Material sei derzeit nicht erkennbar.
Raketen mit Reichweite bis in die USA?
Auch die Behauptung, Iran stehe kurz vor der Entwicklung interkontinentaler Raketen mit Reichweite bis in die USA, wird von Analysten relativiert. Geheimdienstberichte stützten diese Einschätzung nicht eindeutig, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf mit den Analysen vertraute Quellen.
Zwar verfügt Iran über das größte Arsenal ballistischer Raketen im Nahen Osten. Diese können Israel, US-Stützpunkte in der Region und Teile Europas erreichen. Zudem hat Teheran Trägerraketen entwickelt, mit denen Satelliten ins All gebracht wurden – Technologien, die theoretisch für Langstreckenraketen genutzt werden könnten.
Doch der Bau einer funktionsfähigen Interkontinentalrakete sei komplex und zeitaufwendig, betonen Experten. Jüngste US-Geheimdienstbewertungen gingen davon aus, dass Iran womöglich noch bis zu zehn Jahre von einer einsatzfähigen Rakete mit Reichweite bis in die Vereinigten Staaten entfernt sei, sagte Mona Yacoubian vom Center for Strategic and International Studies in Washington.
Hoffnung auf Regimewechsel?
In seiner Ansprache nach den Angriffen rief Trump die iranische Bevölkerung dazu auf, sich gegen die Führung in Teheran zu erheben. „Das ist vielleicht eure einzige Chance für Generationen“, sagte er.
Auch hier äußern Experten Zweifel. Zwar könnte der Tod Chameneis das Machtgefüge in Iran erschüttern, doch das Regime habe aus früheren Krisen gelernt und Vorsorge für einen möglichen Führungswechsel getroffen, so Yacoubian. Zudem seien viele Iraner nach der gewaltsamen Niederschlagung landesweiter Proteste im Januar abgeschreckt.
„Das Regime ist möglicherweise besser darauf vorbereitet, mit Chaos umzugehen, als die Bevölkerung“, sagte Yacoubian. Ein offener Aufstand erscheine angesichts der Repressionsmaßnahmen wenig wahrscheinlich.
Die Entwicklungen im Nahen Osten bleiben damit hochbrisant. Während Washington die Angriffe als notwendige Präventivmaßnahme verteidigt, warnen Fachleute vor einer weiteren Eskalation – und vor Entscheidungen, die auf womöglich überzeichneten Bedrohungsszenarien beruhen.
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