Ein Stück verdrängter Geschichte rückt ins öffentliche Bewusstsein: Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen hat sich in Grönlands Hauptstadt Nuuk offiziell bei den Opfern eines staatlichen Zwangsverhütungsprogramms entschuldigt.
„Es handelt sich um einen wichtigen Meilenstein in einem düsteren Kapitel unserer gemeinsamen Geschichte“, sagte Frederiksen nach ihrer Ankunft. Eine persönliche Entschuldigung an die betroffenen Frauen soll in einer gesonderten Zeremonie folgen.
Systematische Eingriffe ohne Zustimmung
Zwischen 1960 und 1992 ließen dänische Behörden rund 4.500 grönländischen Inuit-Frauen – das entsprach etwa der Hälfte der gebärfähigen Bevölkerung – gegen ihren Willen eine Spirale einsetzen. Offiziell wurde dies mit „gesundheitlichen Erwägungen“ begründet, tatsächlich diente das Programm der Senkung der Geburtenrate unter den indigenen Einwohnerinnen.
Viele Frauen blieben infolge der Eingriffe dauerhaft unfruchtbar. Fast alle litten unter schweren körperlichen und seelischen Folgen, darunter chronischen Schmerzen, Depressionen und Traumata.
Politisches Kalkül hinter medizinischer Fassade
Historiker weisen darauf hin, dass das Programm nicht nur medizinisch motiviert war, sondern auch eine koloniale Kontrolle über die Bevölkerung Grönlands ausdrückte. Die dänischen Behörden fürchteten eine „Überbevölkerung“ in den arktischen Gebieten und wollten zugleich den staatlichen Einfluss sichern.
Die Maßnahmen wurden dabei häufig ohne ausreichende Aufklärung durchgeführt. Betroffene berichteten, dass sie als junge Mädchen – teilweise im Alter von nur 13 oder 14 Jahren – ohne ihr Wissen oder ihre Zustimmung operiert wurden.
Juristische Aufarbeitung läuft
Rund 150 Frauen haben Klage gegen den dänischen Staat eingereicht. Sie fordern Anerkennung, Entschädigung und eine lückenlose Aufklärung. Der Prozess steht noch aus. Juristen gehen davon aus, dass er zu einer Grundsatzentscheidung werden könnte – auch mit Blick auf andere indigene Gruppen in Skandinavien.
Symbolik der Entschuldigung
Die jetzige Entschuldigung wird von Opferverbänden zwar als wichtiges Signal gewertet, viele Betroffene wünschen sich jedoch konkrete Maßnahmen, darunter finanzielle Entschädigungen, medizinische Unterstützung und gesellschaftliche Anerkennung des erlittenen Unrechts.
„Eine Entschuldigung ist ein Anfang, aber sie darf nicht das Ende sein“, heißt es von Vertreterinnen der Opfer.
Ein dunkles Kapitel, das nicht vergessen werden darf
Der Fall reiht sich ein in internationale Beispiele staatlicher Zwangsmaßnahmen gegenüber indigenen Bevölkerungen – etwa in Kanada, Australien oder den USA. Auch dort mussten Regierungen Jahrzehnte später Verantwortung übernehmen.
Für Grönland, das politisch eng mit Dänemark verbunden ist, markiert die Entschuldigung einen historischen Schritt. Sie macht deutlich, wie sehr koloniale Vergangenheit und heutige Politik noch immer miteinander verflochten sind.
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