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„Wir kennen alle jemanden, der getötet wurde“ – Iranische Demonstrierende berichten von brutaler Niederschlagung der Proteste

FarkhodVakhob9TJK9 (CC0), Pixabay
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Die Proteste im Iran, die Ende Dezember 2025 aus wirtschaftlicher Not heraus begannen, haben sich innerhalb weniger Tage zu einer der blutigsten Phasen regierungskritischer Unruhen in der Geschichte der Islamischen Republik entwickelt. Demonstrierende berichten gegenüber der BBC von massivem Gewalteinsatz durch Sicherheitskräfte, hunderten Toten im direkten Umfeld – und einer systematischen Abschottung des Landes von der Außenwelt.

„Meine Freunde sind alle wie ich. Wir kennen alle jemanden, der bei den Protesten getötet wurde“, sagt die 29‑jährige Parisa aus Teheran. Sie spricht von mindestens 13 Menschen aus ihrem persönlichen Umfeld, die seit dem Beginn der Proteste am 28. Dezember ums Leben gekommen seien. Besonders die Tage um den 8. und 9. Januar beschreibt sie als Wendepunkt: Sicherheitskräfte hätten damals mit scharfer Munition auf überwiegend friedliche Demonstrationen geschossen.

Mehrere junge Menschen berichten unabhängig voneinander von ähnlichen Erlebnissen. Mehdi (24) sagt, er habe noch nie eine derart große Beteiligung an Protesten erlebt – und gleichzeitig noch nie ein solches Ausmaß an Gewalt. Trotz tödlicher Schüsse und offener Drohungen seien viele Menschen weiter auf die Straße gegangen, „weil sie nichts mehr zu verlieren hatten“.

Menschenrechtsorganisationen zeichnen ein düsteres Bild. Die in den USA ansässige Organisation Human Rights Activists News Agency (Hrana) spricht von bislang über 6.100 bestätigten Toten, darunter Kinder und unbeteiligte Zivilisten. Weitere zehntausende Todesfälle würden derzeit überprüft. Die Organisation Iran Human Rights (IHR) hält es für möglich, dass die tatsächliche Zahl der Opfer langfristig über 25.000 liegen könnte. Die iranischen Behörden hingegen geben eine deutlich niedrigere Zahl an und erklären, ein Großteil der Toten seien Sicherheitskräfte oder Opfer gewalttätiger „Randalierer“ gewesen.

Die Berichte der Demonstrierenden widersprechen dieser Darstellung. Augenzeugen schildern Schüsse aus nächster Nähe, den Einsatz von Pellet- und Schrotmunition gezielt gegen Gesichter und Augen sowie tödliche Verletzungen bei Kindern. Viele Verletzte hätten sich aus Angst vor Verhaftung nicht in staatliche Krankenhäuser getraut.

Hinzu kommen Vorwürfe, dass Behörden Familien der Getöteten die Herausgabe der Leichen verweigern oder sie vor Ultimaten stellen: Entweder hohe Geldzahlungen – oder die offizielle Registrierung der Getöteten als Mitglieder regimetreuer Milizen, um sie statistisch den Sicherheitskräften zuzurechnen.

Ein nahezu vollständiger Internet- und Kommunikationsausfall erschwert unabhängige Berichterstattung. Internationale Medien, darunter die BBC, dürfen nicht frei aus dem Iran berichten. Dennoch konnten zahlreiche Videos verifiziert werden, die zeigen, wie Sicherheitskräfte mit scharfer Munition auf Menschenmengen feuern.

Die iranische Führung stellt die Proteste weiterhin als von ausländischen Mächten gesteuerte Unruhen dar. Für viele Betroffene jedoch ist klar: Es handelt sich um einen beispiellosen staatlichen Gewalteinsatz gegen die eigene Bevölkerung – mit Folgen, die das Land noch lange prägen werden.

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