Nach mehreren Jahren unter dem Einfluss von La Niña zeichnet sich im tropischen Pazifik ein rascher Umschwung ab. Führende Klimamodelle deuten darauf hin, dass sich das bisherige Muster in Richtung El Niño entwickelt – möglicherweise bereits im Laufe des Sommers mit weiterer Verstärkung gegen Jahresende. Einige Meteorologen sprechen von der stärksten winterlichen Abschwächung einer La-Niña-Phase seit zwei Jahrzehnten.
Auslöser sind ungewöhnlich kräftige Westwind-Episoden entlang des Äquators seit Januar. Diese sogenannten „Westerly Wind Bursts“ schwächten vorübergehend die Passatwinde, die La Niña normalerweise stabilisieren. In der Folge konnte sich im westlichen Pazifik angestautes warmes Oberflächenwasser ostwärts ausbreiten.
Behörden reagieren aufmerksam, bleiben jedoch vorsichtig. Die National Oceanic and Atmospheric Administration geht in ihrer jüngsten Prognose zunächst von neutralen Bedingungen im Frühjahr und Sommer aus, sieht aber steigende Wahrscheinlichkeiten für die Rückkehr von El Niño bis zum Jahresende. Für den Spätsommer und Herbst werden inzwischen Eintrittswahrscheinlichkeiten von 50 bis 60 Prozent genannt. Auch die Japan Meteorological Agency bewertet die Entwicklung vergleichsweise offensiv, während das Australian Bureau of Meteorology zurückhaltender bleibt und zunächst mit einer Abschwächung Richtung Neutralphase rechnet.
El Niño-Ereignisse führen typischerweise zu einem zusätzlichen Anstieg der globalen Durchschnittstemperaturen, da im tropischen Pazifik gespeicherte Wärme an die Atmosphäre abgegeben wird. Viele der wärmsten Jahre seit Beginn der Messungen fielen mit El-Niño-Phasen zusammen. Angesichts bereits überdurchschnittlich hoher Ozeantemperaturen könnte selbst ein moderates Ereignis die Erwärmung in den Jahren 2026 oder 2027 weiter verstärken.
Neben dem Temperatureffekt verändert El Niño die globalen Niederschlagsmuster. Er kann den indischen Monsun abschwächen, Regenverteilungen in Südamerika verschieben und die Hurrikanaktivität im Atlantik durch stärkere Windscherung dämpfen. Messdaten stützen die Trendwende. Die Oberflächentemperaturen im zentralen äquatorialen Pazifik steigen bereits, noch deutlicher ist die Erwärmung in tieferen Wasserschichten. In rund 100 bis 150 Metern Tiefe lagen die Temperaturen zuletzt mehr als drei Grad Celsius über dem Durchschnitt. Diese unterseeische Wärmereserve verleiht dem System zusätzlichen „Schub“: Wenn sich die Wärme an der Oberfläche mit der Atmosphäre koppelt, gilt ein El-Niño-Ereignis als etabliert.
Ob sich der aktuelle Impuls tatsächlich zu einem voll ausgeprägten El Niño auswächst, dürfte sich in den kommenden Monaten entscheiden. Fest steht jedoch, dass sich der Pazifik nach Jahren unter La Niña spürbar neu ordnet – mit potenziell weitreichenden Folgen für das globale Wettergeschehen.
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