Es sind Bilder, die seit Jahren um die Welt gehen – und die jetzt durch neu veröffentlichte Akten eine neue Bedeutung bekommen: Bill Clinton bei einem nächtlichen Bad mit Ghislaine Maxwell, Clinton lächelnd mit Jeffrey Epstein hinter der Bühne eines Rolling-Stones-Konzerts in Hongkong, Clinton in einem Whirlpool neben einer Person, deren Gesicht in den Unterlagen geschwärzt wurde.
Clintons Kontakte zu Epstein sind seit langem bekannt. Der ehemalige US-Präsident erklärte stets, die Verbindung sei über seine wohltätige Arbeit nach dem Weißen Haus entstanden. Neu ist: Fotos und E-Mails, die das US-Justizministerium veröffentlicht hat, zeichnen detaillierter nach, wie Maxwell hinter den Kulissen daran arbeitete, die Beziehung zwischen dem Ex-Präsidenten und dem später als Sexualstraftäter berüchtigten Finanzier zu knüpfen und zu pflegen.
Die Dokumente gelten als zentraler Stoff für die harte Befragung, die Clinton am Freitag vor einem republikanisch geführten Kongressausschuss erwartet. Die Akten belasten Clinton laut Darstellung nicht strafrechtlich: Es gibt keine Hinweise, dass er an Straftaten beteiligt war, keine Opfer haben ihn öffentlich beschuldigt, und es gebe keinen Beleg, dass er von Epsteins Verbrechen wusste. Ein Sprecher Clintons betonte, die Fotos seien Jahrzehnte alt; Clinton habe den Kontakt zu Epstein beendet, bevor dessen Straftaten bekannt wurden.
Spenden, Stiftungsarbeit – und ein Jet als Türöffner
Die freigegebenen Materialien deuten jedoch darauf hin, wie sich „Clintonworld“ und Epsteins Netzwerk in den frühen 2000er-Jahren überlappten. Clinton baute sich damals als Ex-Präsident ein neues Profil als globaler Philanthrop auf – samt der Clinton Foundation und später der Clinton Global Initiative (CGI), einer hochrangigen Konferenz zur Lösung globaler Probleme. Dafür brauchte es Kontakte zu wohlhabenden Spendern und einflussreichen Unterstützern.
Epstein wiederum war in dieser Zeit ein international vernetzter Geldmanager, der mit Maxwell – seiner damaligen Partnerin – in elitären Kreisen von Palm Beach bis London verkehrte. In diesem Milieu war Maxwell offenbar der entscheidende Knotenpunkt.
Maxwell und Doug Band: „Social Matchmaker“ mit Flirt-Ton
In den von der BBC ausgewerteten E-Mails finden sich zwar keine direkten Nachrichten zwischen Clinton und Epstein – wohl aber umfangreiche Korrespondenz zwischen Maxwell und Doug Band, Clintons engstem Mitarbeiter in der Post-Präsidentschaft.
Die Mails aus den Jahren 2002 bis 2004 zeigen eine auffallend vertraute, teils sexuell aufgeladene Tonlage. Band nannte Maxwell demnach seinen „social matchmaker“ (gesellschaftliche Vermittlerin) und schrieb teils in flapsig-intimer Sprache; Maxwell schmeichelte ihm ähnlich. Die Kommunikation mischte Logistik mit Anzüglichkeiten: Wer wann in New York sei, welche Treffen stattfinden sollen, welche Kontakte sich vermitteln lassen.
Wichtig ist dabei: Es gibt laut Bericht keinen Vorwurf strafbaren Handelns gegen Band. Er reagierte auf Kontaktversuche nicht; in einer früheren Erklärung bezeichnete er Maxwell als „Monster“ und bestritt eine körperliche Beziehung.
Fluglogbücher: Clinton mindestens 24 Mal in Epsteins Jet
Aus Fluglisten geht hervor, dass Clinton Epsteins Privatflugzeug vielfach nutzte – im Text wird von mindestens 24 Flügen gesprochen. Die Dokumente legen nahe, dass Maxwell und Band an der Organisation von Reisen und Treffen beteiligt waren, darunter auch Flüge, die mit Projekten der Clinton Foundation in Verbindung gestanden haben sollen.
Clintons Team erklärte, es habe sich um Reisen gehandelt, die Stiftungsarbeit unterstützten, inklusive Stopps im Rahmen philanthropischer Vorhaben. Clinton sagte in einer eidesstattlichen Erklärung, Epstein habe ein Flugzeug bereitgestellt, das groß genug für ihn, Mitarbeiter und Secret-Service-Schutz gewesen sei. Ein zugespitztes Zitat dazu: „Was Clinton an Epstein anzog, war ganz einfach: Er hatte ein Flugzeug.“
„Sie trafen sich wegen mir“
Besonders brisant ist ein Punkt aus Maxwells Aussage: In einer Befragung erklärte sie, Epstein habe zwar in den frühen 1990ern das Weiße Haus bei Veranstaltungen besucht, Clinton aber damals nicht wirklich kennengelernt. Erst sie, Maxwell, habe die Verbindung hergestellt.
„Sie trafen sich wegen mir“, sagte sie dem stellvertretenden US-Justizminister Todd Blanche. Sie habe Epstein gebeten, das Flugzeug zur Verfügung zu stellen – und sie habe es als „Ehre“ empfunden, Zeit mit Clinton zu verbringen. Als Maxwell später selbst vor dem Kongressausschuss aussagen sollte, machte sie von ihrem Recht Gebrauch, die Aussage zu verweigern, um sich nicht selbst zu belasten.
Weltreise 2002 und die CGI-Maschinerie
Ein Schlüsselereignis war eine Reise am 21. September 2002: Clinton stieg in Epsteins Jet und begann eine Tour durch mehrere afrikanische Länder, begleitet von Prominenten, wie die Fluglisten zeigen. Clinton wurde damals in der Presse mit Epstein zitiert bzw. über Sprecher eingeordnet – als erfolgreicher Finanzier und engagierter Philanthrop.
Die Unterlagen zeichnen außerdem nach, wie Maxwell dabei half, für Clintons neue globale Plattform Kontakte zu knüpfen. So bat Band Maxwell, Treffen zu arrangieren, unter anderem mit Richard Attias, einem international bekannten Event-Organisator mit Davos-Verbindungen. Attias bestätigte, dass es später zu Kontakten kam, und bezeichnete Maxwell als „Katalysator“, die ihn mit Band zusammenbrachte.
Am 16. September 2005 startete die Clinton Global Initiative in New York – mit prominenten Teilnehmern wie Tony Blair, Jordaniens König Abdullah II. und Condoleezza Rice. Die veröffentlichten E-Mails legen nahe, dass Maxwell sich selbst als zentrale „Connector“-Figur verstand, die Personal und Zugänge vermittelt.
„Ich wünschte, ich hätte ihn nie getroffen“
Clinton hat wiederholt erklärt, nichts von Epsteins Verbrechen gewusst zu haben. In seinen Memoiren schrieb er, Epstein sei ihm zwar „seltsam“ vorgekommen, er habe aber „keine Ahnung“ gehabt, was dieser tat. Spätestens um 2005 habe er den Kontakt beendet – also vor Epsteins Anklage 2006 und dem Schuldeingeständnis 2008.
Zugleich räumte Clinton ein, dass die Nutzung des Privatjets langfristig ein Fehler gewesen sei: Selbst wenn sie der Stiftungsarbeit gedient habe, sei sie „die Jahre der Fragen danach nicht wert“ gewesen. Sein Fazit: „Ich wünschte, ich hätte ihn nie getroffen.“
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