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Wenn Tanken zum Luxus wird: Wie steigende Spritpreise Amerikas Familien an die Grenze bringen

TheDigitalArtist (CC0), Pixabay
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Ein voller Tank, ein gestrichenes Mittagessen, weniger Ausflüge mit den Kindern: Die explodierenden Benzinpreise in den USA treffen längst nicht mehr nur Geringverdiener. Selbst Menschen mit soliden Jobs geraten unter Druck. Der Krieg im Nahen Osten wirkt bis in amerikanische Vorstädte hinein – und zwingt viele zu Entscheidungen, die bitter banal sind: Sprit oder Essen.

Für Sarah L. bedeutet der Anstieg der Spritpreise inzwischen ganz konkret: eine Mahlzeit weniger pro Tag.

Die 31-Jährige lebt in einem Vorort von Albany im Bundesstaat New York und fährt täglich rund 80 Kilometer zur Arbeit. Fast 70 Dollar mehr hat sie diesen Monat bereits für Benzin ausgegeben. Um das aufzufangen, spart sie jetzt beim Essen. Kein Mittagessen mehr im Büro. Keine selbstgemachten Sandwiches, keine Salate. Rund 30 Dollar pro Woche bringt das – und ein ständiges Gefühl von Hunger.

„Es ist wirklich, wirklich schwer, überhaupt noch voranzukommen“, sagt sie.

Was wie eine private Sparmaßnahme klingt, ist in Wahrheit ein Symptom eines größeren Problems. Denn die steigenden Spritpreise treffen in den USA inzwischen Millionen Haushalte – nicht nur jene, die ohnehin jeden Dollar umdrehen müssen, sondern auch Menschen, die sich selbst zur Mittelschicht zählen.

Ein Krieg, der bis zur Zapfsäule reicht

Im landesweiten Durchschnitt kostete eine Gallone Benzin am Mittwoch 3,98 Dollar. Das sind laut AAA 1,04 Dollar mehr als noch vor einem Monat – ein Anstieg von 34 Prozent.

Auslöser ist der Krieg zwischen den USA, Israel und Iran. Seit Teheran die Straße von Hormus faktisch blockiert hat, gerieten Öl- und Gaspreise weltweit unter Druck. Zwar gaben die Preise zuletzt etwas nach, nachdem US-Präsident Donald Trump weitere Angriffe auf iranische Energieanlagen vorerst verschoben hatte. Doch Experten warnen: Selbst wenn sich die Lage beruhigt, sinken die Preise nur langsam. Und die höheren Transportkosten schlagen längst auf andere Bereiche durch – vor allem auf Lebensmittel.

Für viele Amerikaner heißt das:
Der Preisschock an der Zapfsäule ist erst der Anfang.

Liefern lohnt sich kaum noch

Besonders hart trifft es jene, die beruflich auf ihr Auto angewiesen sind.

Mark H., 42, lebt in El Paso, Texas, und arbeitet als selbstständiger Lieferfahrer für Walmart. Er sammelt seine Tankquittungen wie Beweisstücke einer schleichenden Katastrophe: Ende Februar zahlte er noch 2,45 Dollar pro Gallone, wenige Wochen später bereits 3,83 Dollar.

Gleichzeitig brechen ihm Aufträge und Trinkgelder weg. Seit Beginn des Krieges verdient er mehrere hundert Dollar pro Woche weniger. Er sucht inzwischen nach Zusatzjobs – als Rettungsschwimmer, im Homeoffice, möglichst alles, was ihn nicht noch mehr auf die Straße zwingt.

„Am meisten Angst macht mir, dass ich jeden Tag nicht weiß, was mich an der Zapfsäule erwartet“, sagt er.

Weniger Park, weniger Kirche, weniger Alltag

Auch Familien geraten ins Schleudern.

Dexia B., 35, aus Jacksonville, Florida, zahlt inzwischen jede Woche mindestens 15 Dollar mehr fürs Tanken. Klingt überschaubar. Ist es nicht. Denn diese 15 Dollar entscheiden darüber, ob sie ihren dreijährigen Sohn noch auf den Spielplatz fahren kann – oder eben nicht.

Der Junge liebt die Schaukeln im Park. Jetzt bleibt er zu Hause.

Weil er Autismus hat, bringt die plötzliche Veränderung seinen Alltag durcheinander. Auch die zwölfjährige Tochter muss verzichten: keine Fahrten mehr zur Kirchengruppe, kein kleiner Roadtrip in den Frühlingsferien.

„Ich fahre nur noch dahin, wo ich wirklich hinmuss“, sagt die Mutter. „Und sonst nirgendwo.“

Es sind genau diese kleinen Streichungen, an denen sich die soziale Wucht einer Energiekrise zeigt. Nicht in Börsenkursen. Sondern im ausgefallenen Parkbesuch.

Selbst die Mittelschicht spart plötzlich beim Nötigsten

Auch Patric D., 33, spürt den Druck. Er war mehrere Wochen unbezahlt freigestellt, um seine sterbenskranke Mutter in Pennsylvania zu pflegen. Nun ist sie gestorben, die Beerdigung kostet Geld – und gleichzeitig steht eine 4500-Kilometer-Fahrt zurück nach Washington an. Die Rechnung: rund 100 Dollar mehr für Benzin.

Also wird gespart. Bei Hotels. Beim Essen unterwegs. Später wohl auch beim Sparen selbst.

„Das ist etwas, worüber ich eigentlich nie nachdenken wollte“, sagt er.

Eine Woche Benzin teurer als ein Monat Strom fürs E-Auto

Wie absurd der Unterschied inzwischen ist, zeigt ein anderer Fall.

Mike S., 35, aus Boulder, Colorado, fährt normalerweise ein Elektroauto. Doch als sein Rivian wegen eines Werkstattaufenthalts fast zwei Wochen ausfiel, bekam er nur einen Benziner als Mietwagen.

Das Ergebnis:
52 Dollar tanken in einer Woche. Dann noch einmal 53 Dollar.

Zum Vergleich: Das Laden seines E-Autos zu Hause kostet ihn sonst 46 Dollar im Monat.

„Eine Woche Autofahren hat mich mehr gekostet als sonst ein ganzer Monat Laden“, sagt er.

Der Tank als sozialer Kipppunkt

Die Geschichte der steigenden Spritpreise ist nicht nur eine Geschichte über Energie. Sie ist eine Geschichte über Verzicht.

Weniger Essen.
Weniger Freizeit.
Weniger Mobilität.
Weniger Spielraum.

Was an der Zapfsäule beginnt, endet im Kühlschrank, im Familienalltag und auf der Kreditkartenabrechnung.

Der Krieg im Nahen Osten mag Tausende Kilometer entfernt sein. Für viele Amerikaner aber ist er längst dort angekommen, wo Krisen wirklich weh tun:

beim Tanken – und beim Versuch, sich den Rest des Lebens trotzdem noch leisten zu können.

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