Manchmal hat die Natur erstaunliche Tricks auf Lager. Gletscher, riesige Eismassen in den Hochlagen der Erde, besitzen eine bemerkenswerte Fähigkeit: Sie schützen sich selbst vor der Hitze. Zumindest ein bisschen.
Direkt über der Eisfläche entsteht ein eigenes kleines Mikroklima. Die Luft ist dort messbar kühler als in der Umgebung – eine Art natürlicher Eisschirm gegen die Klimaerwärmung. Doch genau dieser Schutzschild beginnt jetzt zu bröckeln.
🧊 Eiskaltes Mikroklima mit Ablaufdatum
Ein internationales Forschungsteam rund um die Glaziologin Francesca Pellicciotti vom Institute of Science and Technology Austria (ISTA) wollte wissen: Wie stark können sich Gletscher eigentlich gegen die Klimaerwärmung „wehren“?
Die überraschende Antwort: Um ein Grad regionaler Erwärmung steigt die Temperatur direkt über Gletschern nur um rund 0,83 Grad. Ein kleiner, aber feiner Unterschied, der den Eisgiganten wertvolle Zeit verschafft.
Der Effekt ist messbar – aber eben auch vergänglich.
🌍 Globale Eiszeit auf Zeit
Die Studie, die im Fachjournal Communications Earth & Environment erschienen ist, zeigt: In Regionen mit wärmerem und feuchterem Klima ist dieser Abkühlungseffekt über Gletschern sogar noch etwas ausgeprägter. Doch auch dort wird er nicht ewig anhalten.
Denn mit dem fortschreitenden Rückzug der Gletscher verschwindet auch ihr Kühlungseffekt. Schon jetzt ist in Mitteleuropa – inklusive Österreich – der Höhepunkt dieses natürlichen Schutzmechanismus seit Anfang der 2020er-Jahre überschritten.
🔄 Teufelskreis aus Schmelze und Hitze
Ohne die kühle Oberfläche der Gletscher kann sich die Luft darüber künftig schneller aufheizen. Besonders kritisch: Wenn nur noch kleine, verschmutzte Eisreste übrig bleiben, wirkt der schützende Eiseffekt kaum noch. Die Temperatur über diesen Flächen steigt dann besonders rasch – was wiederum die letzte Hoffnung auf langfristiges Überleben der Gletscher schmelzen lässt.
Ein sich selbst verstärkender Kreislauf könnte beginnen: weniger Eis = mehr Wärme = noch weniger Eis.
🏔️ Gletscher im Zeitraffer
In Österreich sind die meisten Gletscher bereits im Rückzugsmodus. Jahr für Jahr werden neue Schmelzrekorde gemessen. Auch weltweit geraten einst als stabil geltende Gletscherregionen ins Wanken – so zum Beispiel in Zentralasien, wo die Studie besonders widerstandsfähige Gletscher unter die Lupe nahm. Selbst dort beginnt nun das große Tauen.
📉 Was bleibt?
Die Forscherinnen und Forscher machen klar: Der Abkühlungseffekt der Gletscher ist real – aber zeitlich begrenzt. Er kann den Kollaps verlangsamen, aber nicht verhindern.
Die Erkenntnis bringt Hoffnung und Warnung zugleich: Noch sind Gletscher da, noch helfen sie sich selbst. Aber viel Zeit bleibt ihnen nicht mehr.
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