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Wenn der Tank zum Verkaufsargument wird

Mohamed_hassan (CC0), Pixabay
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Der Krieg gegen Iran treibt den Ölpreis hoch, viele Staaten in Asien fürchten Versorgungsengpässe. Ausgerechnet für Chinas angeschlagene Elektroautoindustrie kommt das zur rechten Zeit. Der Schock auf dem Energiemarkt könnte den Exportboom der Volksrepublik beschleunigen.

Krisen haben ihre Gewinner. Diesmal könnten sie in Shenzhen, Shanghai oder Zhengzhou sitzen.

Während der Krieg der USA und Israels gegen Iran die Weltwirtschaft nervös macht, Tankstellenpreise steigen und Regierungen in Asien Notmaßnahmen vorbereiten, dürfte in den Chefetagen chinesischer Elektroautokonzerne ziemlich genau kalkuliert werden, was dieser Schock bedeutet. Die Antwort ist simpel: teureres Benzin, attraktivere Stromer, neue Märkte.

Der Ölpreis war in der vergangenen Woche zeitweise auf 119 Dollar pro Barrel gestiegen. Hintergrund sind massive Störungen wichtiger Lieferströme aus dem Nahen Osten. Die Straße von Hormus, durch die ein erheblicher Teil des globalen Ölhandels läuft, ist durch iranische Einschränkungen faktisch nur noch eingeschränkt nutzbar. Die Folgen reichen längst über die Region hinaus: steigende Energiekosten, Inflationssorgen, Rezessionsängste.

Für viele Länder ist das ein Problem. Für Chinas E-Autobauer könnte es ein Geschäft werden.

Die Chinesen haben ein Absatzproblem

Dabei kommt der Rückenwind für die Branche zu einem heiklen Zeitpunkt. China ist zwar längst die dominierende Macht der globalen Elektromobilität. Kein Land produziert mehr Batterien, kein Land exportiert mehr Elektroautos, kein Land drückt mit vergleichbarer Wucht in neue Märkte.

Doch der Erfolg hat seinen Preis. Im Inland liefern sich die Hersteller einen brutalen Verdrängungswettbewerb. Rabattschlachten, sinkende Margen, Überkapazitäten. Die Zahl der Anbieter ist hoch, die Zahl der Überlebenden dürfte deutlich kleiner sein.

Die Beratungsfirma AlixPartners geht davon aus, dass von 129 chinesischen E-Auto-Marken, die 2024 im Markt aktiv waren, bis 2030 nur noch etwa 15 wirtschaftlich tragfähig sein dürften. Das ist keine Wachstumsbranche mehr, das ist eine Auslese.

Die Folge: Chinas Hersteller müssen ins Ausland. Nicht als Option, sondern aus Notwendigkeit.

Und genau hier kommt die Ölkrise ins Spiel.

Der Tank wird zum Verkaufsargument

Je teurer fossile Mobilität wird, desto überzeugender wirkt die Alternative. Das galt schon in Europa nach Russlands Angriff auf die Ukraine. Nun droht sich derselbe Mechanismus in Asien zu wiederholen – nur mit größerer Wucht.

Denn Asien ist besonders verwundbar. Rund 60 Prozent des Rohöls der Region kommen aus dem Nahen Osten, ein Großteil davon über die Straße von Hormus. Fällt diese Route aus oder wird sie teurer, trifft das nicht nur Raffinerien und Strommärkte, sondern direkt den Alltag von Millionen Autofahrern, Lieferdiensten, Spediteuren, Busunternehmen.

Einige Regierungen reagieren bereits mit Energiesparappellen. In Thailand, den Philippinen und Vietnam werden Bürger aufgefordert, weniger Strom zu verbrauchen, häufiger von zu Hause zu arbeiten oder Klimaanlagen sparsamer zu nutzen. Der politische Druck steigt, schnell Alternativen zur Ölabhängigkeit zu finden.

Für chinesische Hersteller ist das die ideale Marktlage: Ihre Fahrzeuge sind günstig, in großer Stückzahl verfügbar und technisch längst nicht mehr nur Billigware.

„Es gibt erhebliches Potenzial für chinesische Marken, sich in Asien mit Hilfe höherer Benzinpreise Marktanteile zu sichern“, sagt der Branchenanalyst Tu Le von der Beratungsfirma Sino Auto Insights. Man müsse davon ausgehen, dass die Unternehmen „diesen Moment maximal ausnutzen“ würden.

Was für andere ein Schock ist, ist für Peking Strategie

Die aktuelle Krise ist nicht nur eine Gelegenheit für chinesische Konzerne. Sie bestätigt auch, was die politische Führung in Peking seit Jahren vorantreibt: Elektromobilität ist in China nie bloß Klimapolitik gewesen. Sie ist Industriepolitik, Technologiepolitik – und Sicherheitspolitik.

China importiert selbst große Mengen Öl aus dem Nahen Osten. Mehr als 40 Prozent der chinesischen Öleinfuhren stammen aus der Region. Doch anders als viele Nachbarn hat die Volksrepublik systematisch daran gearbeitet, diese Verwundbarkeit zu verringern: mit gigantischen Investitionen in Solar- und Windkraft, in Batteriezellen, in Ladeinfrastruktur und in den Massenmarkt für E-Autos.

Das Ergebnis ist inzwischen sichtbar. In China entfallen rund 50 Prozent der Neuwagenverkäufe auf Elektroautos oder Plug-in-Hybride. Rund 12 Prozent des gesamten Fahrzeugbestands fahren bereits elektrisch. Nach Schätzungen des Energieexperten Lauri Myllyvirta hat allein diese Entwicklung den chinesischen Ölverbrauch im vergangenen Jahr um fast zehn Prozent gesenkt.

Für Peking ist das kein Nebeneffekt. Es ist der Plan.

„Chinas Führung hat diesen Film schon oft gesehen“, sagt Zhu Zhaoyi vom Institut für Nahoststudien an der Peking University HSBC Business School. „Jede Instabilität im Nahen Osten bestätigt dieselbe Lektion: Die Abhängigkeit von importierten fossilen Energien ist nicht nur schlecht fürs Klima, sondern ein nationales Sicherheitsrisiko.“

Der Westen blockt – Asien bleibt offen

Für die chinesische Industrie stellt sich nun vor allem eine Frage: Wohin mit den Autos?

Die USA fallen weitgehend aus. Hohe Strafzölle halten chinesische E-Fahrzeuge faktisch vom Markt fern. Washington schützt damit nicht nur die heimische Industrie, sondern vor allem einen symbolisch aufgeladenen Sektor der Zukunft. Präsident Donald Trump hatte zwar zwischenzeitlich signalisiert, chinesische Marken seien willkommen – allerdings nur, wenn sie ihre Produktion in die USA verlagern. Für den aktuellen Exportüberschuss ist das keine kurzfristige Lösung.

Europa ist offener, aber ebenfalls zunehmend skeptisch. Die EU geht schärfer gegen chinesische Staatsbeihilfen und mutmaßliches Preisdumping vor. Die politischen Hürden steigen.

Umso wichtiger wird Südostasien.

Dort treffen mehrere Faktoren zusammen: hohe Energieabhängigkeit, wachsende Mittelschichten, politischer Druck zur Kostendämpfung – und Märkte, in denen der Preis oft entscheidender ist als die Marke. Genau dort sind chinesische Anbieter besonders stark.

„Steigende Volatilität bei Kraftstoffpreisen und stärkere politische Unterstützung werden dazu führen, dass der E-Auto-Markt in Asien schnell wächst“, sagt Lam Pham, Energieanalyst bei der Denkfabrik Ember. Davon profitierten grundsätzlich alle Hersteller – „aber vor allem jene, die schnell skalieren und günstige Modelle liefern können“.

Also vor allem: China.

Die Überproduktion verschwindet nicht

Trotzdem sollte man den Effekt nicht überschätzen. Die Ölkrise ist für Chinas Autobauer ein Rückenwind, aber kein Befreiungsschlag.

Denn das strukturelle Problem bleibt bestehen: Die Industrie hat Kapazitäten aufgebaut, als sei unbegrenztes Wachstum garantiert. Viele Werke laufen nun in einen Markt hinein, der langsamer wächst als erhofft. Gleichzeitig fährt die chinesische Regierung Kaufanreize zurück. Die Inlandsnachfrage wird also eher stabilisiert als explodieren.

„Selbst wenn höhere Ölpreise den E-Auto-Markt in China vergrößern, wird sich der Kuchen nicht plötzlich verdoppeln“, sagt Yichao Zhang von AlixPartners. Das Überkapazitätsproblem lasse sich dadurch „nicht sofort“ lösen.

Mit anderen Worten: Die Krise hilft – aber sie rettet nicht jeden.

Ein alter Markt kippt

Die eigentliche Bedeutung der aktuellen Ölkrise liegt womöglich an anderer Stelle. Sie verändert die Wahrnehmung.

Solange steigende Spritpreise als vorübergehender Ausschlag gelten, reagieren viele Verbraucher mit Schulterzucken. Doch wenn die nächste Krise kommt, und dann die nächste, wird aus dem Ärgernis ein Muster. Der Benziner wirkt dann nicht mehr vertraut, sondern riskant. Der Tank wird zum geopolitischen Unsicherheitsfaktor.

Die Denkfabrik Ember nennt Elektroautos inzwischen den „größten Hebel“, um Importkosten für Öl zu senken. Schon 2025 hätten E-Fahrzeuge den weltweiten Rohölverbrauch um 1,7 Millionen Barrel pro Tag reduziert – etwa 70 Prozent der iranischen Exporte.

Das ist mehr als eine Branchenzahl. Es ist eine Machtverschiebung.

Die Welt erlebt gerade, wie schnell ein Krieg im Nahen Osten bis in asiatische Vorstädte, europäische Inflationsraten und amerikanische Börsenkurse hineinwirkt. Chinas Autoindustrie liefert dazu die passende Gegenerzählung: weniger Öl, mehr Batterie, mehr Kontrolle.

Und während andere noch über Versorgungssicherheit reden, stehen in chinesischen Häfen längst die Schiffe bereit.

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