Die Sozialdemokraten von Regierungschefin Mette Frederiksen werden erneut stärkste Kraft, erzielen aber ihr schwächstes Ergebnis seit mehr als 100 Jahren. Für eine Mehrheit reicht es nicht. Nun beginnt in Kopenhagen das Ringen um eine neue Regierung – mit einem alten Rivalen als möglichem Königsmacher.
Mette Frederiksen hat die Wahl gewonnen. Und trotzdem fühlt sich der Abend für Dänemarks Ministerpräsidentin eher wie eine Warnung an.
Die Sozialdemokraten wurden bei der Parlamentswahl am Dienstag mit 21,9 Prozent zwar erneut stärkste Kraft. Doch das Ergebnis ist für die Partei, die seit 2019 regiert, historisch schwach: Es ist das schlechteste Abschneiden der Sozialdemokraten seit mehr als einem Jahrhundert. Mit 38 Sitzen bleibt Frederiksens Partei zwar klar größte Fraktion im Folketing. Für eine eigene Machtperspektive reicht das aber bei Weitem nicht.
In Dänemark ist Regieren fast immer Koalitionsarbeit. Und diesmal dürfte sie besonders unerquicklich werden.
Stärkste Kraft – aber weit entfernt von einer Mehrheit
Im Parlament in Kopenhagen feierten Anhänger der Sozialdemokraten ihre Parteichefin trotzdem wie eine Siegerin. Frederiksen trat vor die Unterstützer und räumte ein, dass sie auf mehr gehofft hatte.
„Es tut mir leid, dass wir nicht mehr Stimmen bekommen haben“, sagte sie. Sie habe sich ein besseres Ergebnis gewünscht. Zugleich betonte sie, die Sozialdemokraten seien erneut „die absolute Lieblingspartei der Dänen“.
Es war der Versuch, Niederlage und Erfolg zugleich zu erzählen – und genau darin liegt das Problem dieses Wahlabends.
Denn auch wenn Frederiksen sich eine dritte Amtszeit offengehalten hat: Allein kann sie nicht regieren. Und selbst ihr linkes Lager kommt vorerst nicht auf eine sichere Machtbasis.
Der sogenannte rote Block aus linken und mitte-linken Parteien kommt zusammen auf 84 Sitze. Das konservativ-liberale blaue Lager erreicht 77 Sitze. Für eine Mehrheit im 179 Sitze umfassenden Parlament wären 90 Mandate nötig.
Beide Lager verfehlen diese Schwelle.
Die Folge: Niemand kann den Wahlausgang bisher als klaren Regierungsauftrag reklamieren.
Der Mann in der Mitte
Damit richtet sich der Blick auf einen Politiker, der in Dänemark seit Jahren als Machttechniker mit besonderem Instinkt gilt: Lars Løkke Rasmussen.
Der frühere Ministerpräsident führt heute die Moderaten, eine zentristische Partei, die mit 14 Sitzen nun in der Rolle des klassischen Königsmachers landet. Ohne ihn dürfte kaum eine stabile Regierung zu bilden sein.
Rasmussen weiß das – und ließ am Wahlabend keinen Zweifel daran, dass er diese Position auskosten wird.
„Wir stehen in der Mitte“, sagte er vor Anhängern. „Wir sind bereit.“
Das ist in Dänemark mehr als eine Floskel. Rasmussen signalisiert damit, dass er eine Regierung über die politische Mitte hinweg bevorzugt – also nicht die saubere Lagerlogik von Rot gegen Blau, sondern ein pragmatisches Bündnis, das beide Seiten einschließt oder zumindest überbrückt.
Für Frederiksen wäre das die naheliegendste Option. Für ihre Gegner ist es die größte Gefahr.
Ein alter Konflikt kehrt zurück
Denn nicht jeder im bürgerlichen Lager will Rasmussen diese Bewegungsfreiheit lassen.
Troels Lund Poulsen, Chef der liberalen Partei Venstre und stärkste Kraft im blauen Block, machte rasch klar, dass er eine neue Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten ablehnt. Er forderte Rasmussen offen auf, sich stattdessen auf die rechte Seite zu schlagen.
„Es ist möglich, Dänemark eine neue Richtung zu geben“, sagte Poulsen.
Das klingt nach normaler Wahlkampfrhetorik. Tatsächlich steckt dahinter ein tieferer Konflikt: Soll Dänemark weiterhin von breiten, pragmatischen Bündnissen aus der Mitte regiert werden – oder nach Jahren der sozialdemokratischen Dominanz einen klaren politischen Richtungswechsel erleben?
Rasmussen könnte diese Frage nun entscheiden.
Frederiksens schwieriger Sieg
Für Mette Frederiksen ist das Ergebnis bitterer, als es auf den ersten Blick aussieht.
Die 48-Jährige hatte die Wahl vorgezogen und auf einen günstigen Moment gesetzt. Eigentlich wäre erst später regulär gewählt worden. Frederiksen hoffte offenbar, von ihrer robusten Reaktion auf die jüngste außenpolitische Eskalation mit den USA zu profitieren.
Hintergrund ist der anhaltende Streit um Grönland, das formal zum dänischen Königreich gehört, aber weitgehende Autonomie genießt. US-Präsident Donald Trump hatte wiederholt Ansprüche auf die Insel erhoben und damit in Kopenhagen politische Alarmstimmung ausgelöst. Frederiksen konnte sich in dieser Auseinandersetzung als resolute Verteidigerin dänischer Interessen profilieren.
Doch der außenpolitische Bonus trug nicht weit genug.
Denn auf den letzten Metern dominierte nicht Grönland, nicht Trump und auch nicht die große Geopolitik – sondern das, was Wahlen in Europa fast immer entscheidet: Alltagssorgen.
Am Ende zählten Preise, Wohlstand und Trinkwasser
Im Wahlkampf ging es vor allem um Lebenshaltungskosten, die Wirtschaftslage, den Zustand des Sozialstaats und die Frage, ob Dänemark seinen Wohlstandskompromiss in unsicheren Zeiten bewahren kann.
Dazu kamen Themen, die sehr dänisch wirken und doch hochpolitisch sind: die Belastung des Trinkwassers mit Pestiziden, nicht zuletzt durch die intensive Schweinehaltung, sowie der Klimafußabdruck der Landwirtschaft. In einem Land, das seinen Wohlstand auch auf eine hochproduktive Agrarindustrie stützt, sind das keine Randfragen.
Sie treffen genau jene Wählerschichten, die Frederiksen einst stark gemacht haben: sozialstaatlich orientiert, pragmatisch, aber zunehmend sensibel für ökologische und wirtschaftliche Zielkonflikte.
Viele Dänen attestieren der Ministerpräsidentin zwar weiterhin, das Land in internationalen Krisen solide geführt zu haben. Nach fast sieben Jahren an der Macht scheint sich dennoch ein typischer Abnutzungseffekt eingestellt zu haben.
Frederiksen bleibt respektiert. Begeisterung ist etwas anderes.
Wahrscheinlich wird es wieder die Mitte
Politische Beobachter in Kopenhagen halten derzeit ein Bündnis aus Sozialdemokraten, Rot-Grünen, Moderaten und der Sozialliberalen Partei für das wahrscheinlichste Szenario. Das wäre ein klassisches Mitte-links-Konstrukt mit starker zentristischer Klammer – und damit ein Modell, das in Dänemark politisch vertraut ist, auch wenn es arithmetisch und inhaltlich mühsam werden dürfte.
Die Verhandlungen könnten Tage dauern. Vielleicht Wochen.
In skandinavischen Demokratien ist das nichts Ungewöhnliches. Doch diesmal ist der Ausgang besonders offen, weil beide Lager geschwächt aus der Wahl hervorgehen und keiner den moralischen Anspruch auf klare Führung überzeugend ableiten kann.
Ein Land ohne klare Sehnsucht nach Wechsel – aber auch ohne Begeisterung für Kontinuität
Die Wahl in Dänemark zeigt ein vertrautes europäisches Muster: Die Amtsinhaberin bleibt vorn, aber die Strahlkraft ist weg. Die Opposition gewinnt nicht genug, um den Wechsel zu erzwingen. Die Mitte wird stärker – und zugleich komplizierter.
Frederiksen hat die Wahl nicht verloren. Aber sie hat auch keinen Triumph errungen.
Sie bleibt die naheliegendste Regierungschefin des Landes. Doch der Preis für eine dritte Amtszeit dürfte hoch sein: mehr Zugeständnisse, mehr Partner, weniger Kontrolle.
Und genau darin liegt die eigentliche Botschaft dieses Wahlabends.
Dänemark hat seine Ministerpräsidentin nicht abgewählt.
Aber es hat ihr deutlich gemacht, dass die bequemen Zeiten vorbei sind.
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