Ein gigantisches Versprechen, ein europäisches Vorzeigeprojekt – und ein spektakuläres Scheitern. Das Buch „Vom Wunder zum Plunder“ dokumentiert, wie ein ambitioniertes Cannabis-Investmentprojekt in der Schweiz seinen Glanz verlor – und warum Tausende Anleger betroffen sind.
Im Jahr 2017 schien in der Schweiz ein neues Zeitalter angebrochen zu sein: Die faktische Legalisierung von CBD schuf einen Markt mit enormem Potenzial. Inmitten dieses Hypes entstand in einem kleinen Ort im Kanton Bern ein besonders ambitioniertes Projekt – eine der größten Indoor-Cannabisanlagen Europas.
Die Grundidee: Investoren aus der breiten Öffentlichkeit konnten Stellplätze für Pflanzen erwerben. Der Anbau, die Pflege, die Ernte und der Verkauf wurden zentral organisiert. Im Gegenzug sollten Erträge anteilig ausgeschüttet werden – ein „Cannabis-Investment für alle“. Innerhalb kürzester Zeit beteiligten sich über 40.000 Menschen aus ganz Europa, und mehr als 100 Millionen Euro Kapital flossen in das Projekt.
Die perfekte Erzählung – und ihr Bruch
Das Projekt war hochgradig durchinszeniert: Videos von modernen Hallen mit Hochregallagern, Hightech-Lichtsystemen, CO₂-Steuerung und automatisierten Prozessen prägten das Bild. Regelmäßig veröffentlichte Dashboards und ein „Ernterechner“ vermittelten Anlegern den Eindruck, sie könnten ihre Gewinne selbst kalkulieren. Die Stimmung: professionell, transparent, zukunftsorientiert.
Doch laut Autor Michael Graf war vieles Fassade. Schon früh stimmten grundlegende wirtschaftliche Eckdaten nicht: Die Produktionskosten überstiegen die realistisch erzielbaren Marktpreise, besonders nach dem Einbruch des CBD-Großhandelsmarktes. Der Stromverbrauch war zu hoch, die technischen Abläufe instabil, das Personal überlastet.
Hinzu kamen strukturelle Probleme in der Unternehmensführung. Entscheidungen wurden kurzfristig getroffen, Prioritäten verschoben, Rollen waren unklar, Zuständigkeiten wechselten häufig. Ein erheblicher Teil der Entscheidungsgewalt konzentrierte sich auf eine einzelne Person – was intern zu Machtungleichgewichten und wachsender Unsicherheit führte.
Zahlen ohne Realität
Besonders kritisch sieht das Buch den Umgang mit Prognosen und Kennzahlen. So wurden Erträge pro Pflanze in Höhen angegeben, die laut dem Autor physikalisch kaum erreichbar waren. Auch die Zykluszeiten – also wie oft im Jahr geerntet werden könne – wurden unrealistisch kurz kalkuliert. All dies stützte das Narrativ der Hochrentabilität, das jedoch nie zur realen Produktion passte.
Zudem wurde der Eindruck erweckt, dass medizinische Abnehmer, etwa im GMP-Umfeld (Good Manufacturing Practice), fest im Geschäftsmodell eingeplant seien. Doch laut Graf existierten weder konkrete Verträge noch stabile Lieferketten. Vieles blieb im Stadium ambitionierter Pläne – die jedoch nach außen als greifbare Realität verkauft wurden.
Kapital ohne Richtung
Statt die Probleme offen zu adressieren, so der Autor, sei Kapital zunehmend zweckentfremdet worden. Investitionen flossen in Immobilien, Übernahmen und Nebenprojekte – etwa in einen Verdampferhersteller – die jedoch nicht konsequent weiterentwickelt wurden. Lager blieben voll, Lieferketten versiegten, und das Kerngeschäft blieb instabil.
Zeitweise sei die Illusion der Aktivität durch technische Showeffekte aufrechterhalten worden: So zeigten Kameras in den Grow-Räumen regelmäßig aktualisierte Bilder der Pflanzen. Inaktive Phasen, leere Regale oder Produktionsverzögerungen blieben jedoch oft verborgen.
Vom CBD-Wunder zum THC-Versprechen
Als der CBD-Markt zusammenbrach, schwenkte das Unternehmen auf ein neues Narrativ um: Statt Wellness-Produkten sollte nun der medizinische THC-Markt erschlossen werden. GMP-Lizenzen, Pharmaqualität, Export – ein neuer Hoffnungsschimmer. Doch auch hier fehlten laut Graf die Grundlagen: funktionierende Prozesse, Personal, Dokumentation, vor allem aber ein tragfähiger Markt.
Eine Geschichte für die Aufklärung
Das Buch verzichtet auf persönliche Anklagen. Stattdessen versucht es, systemische Muster zu rekonstruieren – und daraus Lehren zu ziehen. Besonders kritisch sieht es die Rolle der Kommunikation: Statt operativer Lösungen sei auf Marketing, Vertriebswachstum und Visionen gesetzt worden. Neue Stellplätze wurden verkauft, obwohl der wirtschaftliche Kurs längst unhaltbar war.
Der Autor – der unter Pseudonym schreibt – versteht das Werk als Beitrag zur Aufklärung, besonders für potenzielle Investoren. Es richtet sich an jene, die sich von Hochglanzpräsentationen blenden lassen und warnt eindringlich vor Investmentmodellen, bei denen Wachstum, Hoffnung und Vertrieb das eigentliche Geschäftsmodell überlagern.
Fazit
„Vom Wunder zum Plunder“ ist mehr als ein Bericht über ein gescheitertes Startup. Es ist eine präzise, oft schonungslos klare Fallstudie über ein System, das sich in seiner eigenen Erzählung verfangen hat. Ein Weckruf für Anleger – und ein wichtiges Dokument über die Schattenseiten des grünen Goldrauschs in Europa.
Quelle: Michael Graf, Vom Wunder zum Plunder – Das Cannabisprojekt von Bern
Vom Wunder zum Plunder – Das Cannabisprojekt von Bern_compressed
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