Nach einer beispiellosen Preisrallye auf den internationalen Rohstoffmärkten ist der Kakaopreis nun deutlich eingebrochen. Was vor wenigen Monaten noch als historischer Höhenflug galt, scheint sich in eine Phase der Korrektur zu verwandeln. Wie die Financial Times berichtet, ist der Preis für eine Tonne Kakaobohnen an der New Yorker Börse zuletzt auf unter 5.930 US-Dollar (rund 5.125 Euro) gefallen – der niedrigste Stand seit rund 20 Monaten. Zum Vergleich: Im März hatte der Preis zeitweise die Marke von 10.000 Dollar überschritten, im Dezember 2023 lag er sogar über 12.000 Dollar.
Auch an der Londoner Rohstoffbörse zeigt sich ein ähnliches Bild. Nachdem sich die Preise zu Jahresbeginn noch verdreifacht hatten, liegen sie nun rund 60 Prozent unter dem Höchststand vom Frühjahr. Analysten sprechen von einem abrupten Ende einer „dramatischen zweijährigen Rallye“, die von Lieferengpässen, schlechten Ernten und Spekulationen getrieben war.
Der Rohstoffexperte Oran van Dort bezeichnete die zuvor erreichten Preisniveaus gegenüber der Financial Times als „absolut lächerlich“ und langfristig „nicht tragfähig“. Seit Jahresbeginn sei der Abwärtstrend schrittweise spürbar gewesen, doch seit Mitte August habe sich die Entwicklung „deutlich beschleunigt“. Der Grund: verbesserte Ernteprognosen und eine sinkende Nachfrage.
Nach einem von Dürre und Schädlingsbefall geprägten Jahr 2023 haben sich die Wetterbedingungen in den wichtigsten Anbaugebieten Westafrikas, insbesondere in der Elfenbeinküste und in Ghana, inzwischen stabilisiert. Die Rückkehr regelmäßiger Regenfälle lasse auf eine deutlich höhere Ernte schließen. Experten erwarten nun ein Überangebot auf dem Weltmarkt, das den Preis weiter unter Druck setzen könnte.
Gleichzeitig zeigt sich eine Nachfrageschwäche in der Schokoladenindustrie, vor allem in Europa und Nordamerika. Die hohen Preise der vergangenen Monate haben viele Hersteller gezwungen, ihre Produktion zu drosseln oder kleinere Mengen zu verarbeiten. Auch Konsumenten reagierten sensibel auf Preiserhöhungen – teure Schokolade fand zuletzt weniger Absatz.
Trotz des Preisrückgangs sehen Analysten weiterhin strukturelle Risiken im Kakaomarkt. Viele Bauern in Westafrika kämpfen mit hohen Produktionskosten, alternden Kakaobäumen und unzureichender Infrastruktur. Selbst bei besseren Ernten könnten logistische Engpässe und politische Instabilität die Versorgung erneut beeinträchtigen. Zudem bleibt unklar, ob die kurzfristige Entspannung bei den Wetterbedingungen anhält – extreme Trockenperioden oder Überschwemmungen könnten den Markt jederzeit wieder drehen.
Die jüngste Entwicklung am Kakaomarkt zeigt, wie empfindlich der Rohstoffsektor auf Klimaschwankungen, Nachfrageänderungen und Spekulationen reagiert. Für Hersteller bedeutet der Preissturz zwar kurzfristige Entlastung, für die Erzeugerländer jedoch bleibt die Lage angespannt – denn sinkende Weltmarktpreise treffen vor allem die Kleinbauern, deren Einkommen ohnehin stark schwankt.
Die „dramatische Rallye“ ist damit vorerst beendet – doch der Kakaomarkt bleibt ein Paradebeispiel dafür, wie eng Natur, Wirtschaft und Politik in der globalen Lieferkette verflochten sind.
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