In den frühen Morgenstunden des 24. Februar 2022, auf dem eisigen Dach eines Hotels in Kyjiw, schien die Vorstellung einer großangelegten russischen Invasion – trotz des massiven Truppenaufmarschs an der Grenze – noch immer kaum vorstellbar.
Zwar hatte Wladimir Putin bereits zuvor militärische Stärke demonstriert: in Tschetschenien, Georgien, Syrien sowie auf der Krim und im Osten der Ukraine. Diese Einsätze brachten dem Kreml vergleichsweise schnelle Erfolge bei begrenzten Kosten. Doch eine Invasion des zweitgrößten Landes Europas nach Russland selbst? Das schien selbst für einen strategisch kalkulierenden Machtpolitiker ein riskanter Schritt.
Wenige Stunden später schlugen Raketen in der ukrainischen Hauptstadt ein – und diese Annahme erwies sich als fataler Irrtum.
Vier Jahre Krieg haben zahlreiche Fehleinschätzungen offengelegt. Dazu gehörte auch die weit verbreitete Erwartung, die Ukraine sei zu schwach und zu schlecht organisiert, um einer umfassenden Invasion standzuhalten. Ebenso wurde das Bild der Unbesiegbarkeit des russischen Militärs nachhaltig erschüttert.
Nach Analysen des britischen Thinktanks Royal United Services Institute (RUSI) ging der Kreml zu Beginn der sogenannten „Spezialoperation“ offenbar davon aus, die Kontrolle über die Ukraine innerhalb von zehn Tagen zu erlangen. Mehr als 1.450 Tage später wirkt diese Einschätzung dramatisch unrealistisch – und als strategische Fehlkalkulation mit verheerenden menschlichen und politischen Folgen.
Enorme Verluste
Die tatsächlichen Kosten des Krieges sind schwer zu beziffern. In Russland unterliegt die Berichterstattung strenger staatlicher Kontrolle, offizielle Opferzahlen werden kaum veröffentlicht. Schätzungen internationaler Forschungsinstitute gehen jedoch von extrem hohen Verlusten aus.
Laut einer aktuellen Analyse des US-amerikanischen Center for Strategic and International Studies (CSIS) belaufen sich die russischen Verluste seit Beginn der Invasion auf rund 1,2 Millionen Tote und Verwundete. Diese Zahl umfasst nicht die ebenfalls enormen ukrainischen Verluste, die auf 500.000 bis 600.000 Menschen geschätzt werden.
Sollten diese Angaben zutreffen, wären die russischen Verluste höher als die eines jeden größeren Staates in einem einzelnen Konflikt seit dem Zweiten Weltkrieg. CSIS zufolge könnten bis zu 325.000 russische Soldaten getötet worden sein – eine Zahl, die die Gesamtverluste der USA in allen Kriegen seit 1945 deutlich übersteigen würde.
Der Kreml bestätigt diese Zahlen nicht. Ukrainische Stellen erklärten zuletzt, allein im Dezember seien 35.000 russische Soldaten getötet worden. Ziel der ukrainischen Militärführung sei es, russische Verluste schneller zu erhöhen, als neue Rekruten ausgebildet und an die Front geschickt werden können.
Der Krieg ist in vielerlei Hinsicht zu einem zermürbenden Abnutzungskampf geworden – ein grausames Ringen um Zahlen.
Eine verzerrte Kriegswirtschaft
In Moskau wirkt der Krieg auf den ersten Blick oft fern. Das öffentliche Leben läuft weiter, Geschäfte und Cafés sind geöffnet, der Alltag scheint intakt. Vereinzelte Drohnenangriffe sorgen zwar für Aufmerksamkeit, doch das Stadtbild vermittelt Normalität.
Nach dem ersten Sanktionsschock 2022 stiegen die russischen Militärausgaben massiv an. Die Wirtschaft profitierte zunächst von hohen Energieexporten, insbesondere von Öl und Gas. Entgegen vieler westlicher Prognosen kollabierte die russische Wirtschaft nicht. Laut Internationalem Währungsfonds zählte Russland 2025 zur neuntgrößten Volkswirtschaft der Welt – ein leichter Aufstieg gegenüber der Vorkriegszeit.
Doch zunehmend zeigen sich strukturelle Belastungen. Hohe Prämien für Militärfreiwillige und großzügige Entschädigungen für Gefallene treiben die Staatsausgaben. Gleichzeitig fehlen Arbeitskräfte in zivilen Sektoren, da Rekrutierung und Rüstungsproduktion priorisiert werden.
Pro-Kreml-Medien sprechen bereits von einem „schweren Arbeitskräftemangel“. Berichten zufolge fehlen Hunderttausende Facharbeiter. Hinzu kommen steigende Verbraucherpreise. Lebensmittel verteuerten sich deutlich; selbst Alltagsprodukte wie Gurken sind zum Symbol wachsender Unzufriedenheit geworden. Offizielle Statistiken zeigen, dass sich deren Preis binnen weniger Monate verdoppelt hat.
Inflation, Steuererhöhungen und wirtschaftliche Verzerrungen durch die Kriegsproduktion treffen zunehmend auch die Bevölkerung im Inland.
Internationale Isolation und strategische Verschiebungen
Eines der erklärten Ziele Moskaus war es, eine weitere NATO-Osterweiterung zu verhindern. Tatsächlich führte die Invasion jedoch dazu, dass Finnland und Schweden dem Bündnis beitraten. Mit Finnlands Beitritt verdoppelte sich die direkte Landgrenze zwischen Russland und NATO-Staaten.
Zudem haben Sanktionen und politische Isolation Russland stärker in Richtung China gedrängt. Moskau ist inzwischen in zentralen Wirtschaftsbereichen auf Peking angewiesen – vom Energieexport bis zu Technologieimporten. Analysten sprechen von einem zunehmend asymmetrischen Verhältnis, in dem Russland die Rolle des Juniorpartners einnimmt.
Auch in anderen Regionen scheint Russlands Einfluss zu schwinden. In Syrien verlor der langjährige Verbündete Baschar al-Assad 2024 die Macht und erhielt in Russland Asyl. Im Nahen Osten und in Lateinamerika konnte Moskau Partner nicht wirksam schützen oder politische Entwicklungen entscheidend beeinflussen.
Ob Russland diese Entwicklungen selbst unter anderen Umständen hätte verhindern können, bleibt Spekulation. Fest steht jedoch, dass der langwierige Krieg in der Ukraine Ressourcen bindet und Handlungsspielräume einschränkt.
Eine folgenschwere Entscheidung
Vier Jahre nach Beginn der Invasion ist klar: Die Annahme eines schnellen Sieges war eine gravierende Fehlkalkulation. Der Krieg hat unermessliches Leid über die Ukraine gebracht – aber auch Russland politisch, wirtschaftlich und militärisch geschwächt.
Was im Februar 2022 noch als kaum vorstellbar galt, ist Realität geworden. Und die langfristigen Konsequenzen dieser Entscheidung sind – für beide Seiten – tiefgreifend und anhaltend.
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