Wer heute durch die weiten Felder im Westen Polens fährt, sieht zunächst nur Idylle: goldgelbe Äcker, Wälder, ein weiter Himmel. Doch tief unter der Erde schlummert ein düsteres Relikt der Geschichte – die „Festungsfront Oder-Warthe-Bogen“, besser bekannt als Ostwall.
Das gigantische unterirdische Bunkersystem wurde in den 1930er-Jahren im Auftrag Hitlers gebaut. Es sollte die damalige Ostgrenze des Deutschen Reiches gegen Polen und die Sowjetunion sichern. Entstanden ist ein Labyrinth aus Schienen, Schächten und Kampfstellungen – fast 30 Kilometer lang, mitunter 40 Meter tief.
Größenwahn im Beton
Der Ostwall war als „Fortifizierter Bogen“ geplant: eine Verteidigungslinie von fast 80 Kilometern Länge. Bis 1951 sollte gebaut werden, doch die Prioritäten der Wehrmacht verlagerten sich bald nach Westen. Als Deutschland 1939 Polen überfiel, hatte das Projekt seine strategische Bedeutung bereits verloren. Fertiggestellt wurde nur ein Teil – und doch zählt die Anlage zu den aufwendigsten Festungsbauten des 20. Jahrhunderts.
Im Januar 1945 fiel die Anlage innerhalb von drei Tagen der Roten Armee in die Hände. Danach wurde sie weitgehend aufgegeben.
Von Soldaten zu Fledermäusen
Heute bevölkern keine Wehrmachts-Soldaten die Tunnel, sondern rund 40.000 Fledermäuse, die hier jeden Winter aus halb Europa Zuflucht suchen. Zwölf Arten nutzen die gleichbleibend kühlen Temperaturen zum Überwintern – eine der größten Fledermauskolonien des Kontinents.
Wer das Museum im „Międzyrzecz Fortified Region“ besucht, begegnet den Tieren hautnah: Manche hängen reglos von den Decken, andere schießen im Zickzack aus der Dunkelheit hervor.
Subkultur im Untergrund
Nach den 1960er-Jahren, als die polnische Armee die Bunker aufgab, entdeckte eine ganz andere Gruppe die Tunnel für sich: die sogenannten „Bunker People“. Zwischen den 1980er- und 1990er-Jahren verwandelten sie das System in einen Ort für illegale Raves, Hochzeiten und Protestaktionen. Mindestens fünf Menschen starben bei Unfällen. Ihre Graffiti – Liebesbotschaften, Schmierereien, Parolen – zieren noch immer die Wände.
„Die Graffiti sind die Seele dieses Ortes“, sagt der Museumsführer Mikolaj Wiktorowski, der die Inschriften dokumentiert.
Dunkeltourismus und Weinberge
Heute ist der Ostwall eine Touristenattraktion. Besucher können kurze oder mehrstündige Touren buchen, mit einem Elektrozug durch die Tunnel fahren oder sich in einen alten sowjetischen Schützenpanzer setzen.
Die Region hat jedoch mehr zu bieten: Die nahe Stadt Zielona Góra gilt wegen ihrer Weinberge als „polnische Toskana“ und feiert jedes Jahr das Winobranie-Weinfest. Und unweit erhebt sich die 52 Meter hohe Christusstatue von Świebodzin – größer noch als das berühmte Vorbild in Rio de Janeiro.
So nah beieinander liegen hier Extreme: ein Monument des Nazi-Wahns, das heute Fledermäusen und Touristen gehört, ein Weinfest unter mediterranem Himmel – und der größte Christus der Welt, der von oben über all das wacht.
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