Die Spannungen in den USA rund um die Einwanderungspolitik haben am Wochenende einen tragischen und hochpolitischen Höhepunkt erreicht. Zwei voneinander unabhängige Schusswaffeneinsätze durch Bundesbeamte des Immigration and Customs Enforcement (ICE) in Minneapolis (Minnesota) und Portland (Oregon) haben landesweite Proteste ausgelöst und die ohnehin tiefen Risse zwischen Bundes- und Landesbehörden weiter vertieft.
Im Mittelpunkt steht der Fall Renee Nicole Good (37), Mutter von drei Kindern, die am 7. Januar in Minneapolis von einem ICE-Beamten erschossen wurde. Ein Video, das der öffentlichkeit zugespielt wurde, zeigt die Szene aus einem anderen Blickwinkel und löst heftige Debatten aus. Während Vizepräsident JD Vance von Notwehr spricht und die Medien beschuldigt, „falsch zu berichten“, bezeichnete der demokratische Minderheitsführer im Senat, Chuck Schumer, die Tötung als „unrechtmäßig“ und fordert Gerechtigkeit.
Präsident Donald Trump unterstützte den ICE-Einsatz und kritisierte die Weigerung des FBI, Beweismaterial mit den Ermittlungsbehörden des Bundesstaats Minnesota zu teilen, mit den Worten: „Sie sind korrupte Beamte.“ Gleichzeitig wiederholte Trump falsche Behauptungen über Wahlsiege in Minnesota und bezeichnete den Gouverneur als „Dummkopf“.
Die Ehefrau des Opfers, Rebecca Good, veröffentlichte eine bewegende Stellungnahme: „Wir hatten Trillerpfeifen. Sie hatten Waffen.“ Ihre Partnerin sei eine gläubige, hilfsbereite Frau gewesen. Die Familie fordert nun Aufklärung und eine unabhängige Untersuchung.
Die lokalen Ermittler beklagen unterdessen die Blockadehaltung des FBI. Die Generalstaatsanwältin von Minnesota hat inzwischen ein Online-Portal eingerichtet, um Hinweise aus der Bevölkerung zu sammeln. „Wenn ihr nichts zu verbergen habt, dann versteckt es nicht“, sagte Bürgermeister Jacob Frey.
In Portland ereignete sich kurz darauf ein ähnlicher Vorfall: Ein Grenzschutzbeamter schoss auf zwei Personen, die laut Homeland Security mutmaßliche Mitglieder eines venezolanischen Verbrechersyndikats seien. Auch hier fordern Stadt- und Landespolitiker, dass sich die Bundesbehörden aus der Stadt zurückziehen. „Ihr seid hier nicht willkommen. Geht zum Teufel aus unserer Gemeinde“, erklärte die Mehrheitsführerin im Senat von Oregon.
Ex-Gouverneur Jesse Ventura meldete sich ebenfalls zu Wort und griff Präsident Trump scharf an: „Er ist ein feiger Drückberger. Ich war im Krieg, er hat Golf gespielt.“
Der Fall zieht immer größere Kreise. Mehr als 1.000 Protestaktionen sind landesweit angekündigt. In Minneapolis versammelten sich Tausende zu Mahnwachen und Demonstrationen. „Es herrscht Wut. Und sie ist organisch“, so ein Organisator.
Auch der Bundesstaat reagiert. Der Gouverneur von Minnesota, Tim Walz, rief den 10. Januar als „Tag der Einheit“ aus. „Jetzt ist die Zeit, gemeinsam zu trauern, gemeinsam zu handeln“, sagte er.
Inzwischen geraten die Bundesbehörden selbst unter Druck: Die Steuerbehörde IRS und das Finanzministerium kündigten Untersuchungen zu milliardenschwerem Sozialbetrug in Minnesota an.
Der ICE-Beamte, der Renee Good erschoss, wurde inzwischen als Jonathan Ross identifiziert – ein Veteran mit Kampferfahrung im Irak. Laut Aufzeichnungen war er bereits 2025 in einen Vorfall verwickelt, bei dem er von einem Fahrzeug verletzt wurde.
Experten für Polizeieinsätze äußern sich kritisch: „Das war aggressiv, unnötig und zeugt von mangelnder Schulung“, sagte eine ehemalige Polizeibeamtin. Ein Kriminologe analysierte das Video mit den Worten: „Sie versuchte offenbar, wegzufahren. Das sieht nicht nach Notwehr aus.“
Was bleibt, ist ein Land im Ausnahmezustand, eine trauernde Familie, ein brisantes Video und die Frage, ob Gerechtigkeit in den USA noch möglich ist, wenn Bundesbehörden gegenüber der öffentlichen Kontrolle immun scheinen.
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