In US-Einwanderungshaftanstalten wird häufiger und länger Isolationshaft angewandt als bislang bekannt. Das zeigt ein neuer Bericht von Physicians for Human Rights (PHR) und Forschenden der Harvard University, der auf Daten aus dem Zeitraum April 2024 bis Mai 2025 basiert. Demnach verbrachten in diesen 14 Monaten über 10.500 Menschen Zeit in Einzelisolation. Besonders alarmierend: Angehörige sogenannter vulnerabler Gruppen – etwa Menschen mit psychischen Erkrankungen, schweren körperlichen Leiden, Schwangere, Ältere oder Personen mit erhöhtem Risiko in der Allgemeinpopulation – waren im Schnitt mehr als 40 Tage am Stück isoliert.
Die ACLU verweist seit Jahren auf einen völkerrechtlichen Maßstab, wonach ab 15 Tagen von einem Schwellenwert gesprochen werde, an dem Isolationshaft als Folter zu bewerten sei.
Zahlen steigen – unter Biden unterschätzt, unter Trump weiter hoch
Laut Bericht wurden unter der Biden-Administration deutlich mehr Menschen isoliert, als zuvor gemeldet wurde. Unter Präsident Trump bleibt die Nutzung der Maßnahme auf hohem Niveau, parallel zur stark ausgeweiteten ICE-Haft: Der tägliche Bestand liegt aktuell bei rund 60.000 Inhaftierten (vor einem Jahr: <40.000). Mit Milliarden an zusätzlichen Mitteln plant die Regierung zudem 80.000 zusätzliche Betten – damit könnte ICE künftig über 140.000 Personen täglich festhalten.
Die Praxis der Isolationshaft nehme seit 2021 zu; 2024 markiere einen Höchststand, so Arevik Avedian (Harvard Law School), Mitautorin des Berichts. Neue Vorschriften vom Dezember 2024 verpflichteten ICE, jede Isolation zu melden – ungeachtet der Dauer oder Vulnerabilität. Danach stiegen die Zahlen sofort um durchschnittlich 80 % gegenüber vorherigen Meldungen – ein Hinweis auf zuvor nicht erfasste Fälle.
ICE spricht von „Segregation“ – Expert:innen widersprechen
ICE reagierte auf eine Anfrage nicht. Die Behörde betont traditionell, sie nutze keine „solitary confinement“, sondern „segregation“. Aus Sicht von Mediziner:innen ist der Unterschied semantisch: „Getrennt von der Allgemeinpopulation, in einer isolierten Zelle eingesperrt und ohne Kontrolle über die Umgebung – das ist Isolationshaft“, sagt Dr. Katherine Peeler (PHR/Harvard).
ICE-Leitlinien von 2022 sehen vor, dass „administrative Segregation“ bei besonderer Vulnerabilität nur als letztes Mittel angewandt werden soll. In der Praxis zeigen die Daten jedoch längere Isolationszeiten gerade bei diesen Gruppen.
Massive Gesundheitsfolgen dokumentiert
Langjährige Forschung belegt schwere psychische und physische Folgen: Paranoia, PTBS, Depressionen bis hin zu Suizidrisiken; chronische Erkrankungen können sich verschlimmern. In einer telefonischen Befragung (2021) unter 203 ehemaligen Einwanderungshäftlingen berichteten >50 % von Depression/PTBS und 45 % von persönlicher Isolationshaft (veröffentlicht 2025 im Journal of Migration and Health).
Eunice Hyunhye Cho (ACLU) nennt Isolationshaft einen „Barometerwert“ für den Druck im System: Wenn Haftkapazitäten ausgedehnt werden und Aufsicht nachlasse, steige die Tendenz, Isolation kontroll- oder sanktionsorientiert einzusetzen.
Einordnung
- Zeitraum der Daten: April 2024 – Mai 2025 (Übergang Ende Biden/Anfang zweite Trump-Amtszeit).
- Täglicher ICE-Haftbestand: ~60.000 (Vorjahr <40.000).
- Vulnerable in Isolation: Ø >40 Tage (2022: <20 Tage).
- Regeländerung Dez. 2024: Vollständige Meldepflicht → gemeldete Isolationsfälle +80 %.
Fazit: Die dokumentierte Zunahme und Verlängerung von Isolationshaft – gerade bei besonders schutzbedürftigen Menschen – steht in deutlichem Widerspruch zu ICE-Leitlinien und zu medizinischen Standards. Forschende und Bürgerrechtsorganisationen fordern striktere Aufsicht, Alternativen zur Isolation und transparente, unabhängige Kontrolle der Haftbedingungen.
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