Mehr als 3.000 Soldatinnen und Soldaten unter 18 Jahren dienen derzeit in der Bundeswehr. Eine Zahl, die aufhorchen lässt. Denn auch wenn es sich formal um freiwillig Wehrdienstleistende handelt – die Frage bleibt: Was bedeutet es politisch und gesellschaftlich, wenn eine Armee Tausende Minderjährige in ihren Reihen hat?
Verteidigungsminister Boris Pistorius betont regelmäßig, dass die Bundeswehr auf Freiwilligkeit, Ausbildung und klare gesetzliche Vorgaben setze. Minderjährige würden nicht in Auslandseinsätze geschickt und stünden unter besonderem Schutz. Rein rechtlich ist die Praxis gedeckt. Doch reicht der Hinweis auf die Rechtslage aus, um die moralische Dimension zu klären?
Mit 17 Jahren befinden sich Jugendliche mitten in ihrer persönlichen Entwicklung. Sie sind noch nicht voll geschäftsfähig, dürfen nicht wählen, keinen hochprozentigen Alkohol kaufen – aber sie dürfen eine militärische Laufbahn beginnen und den Umgang mit Waffen erlernen. Ist das ein stimmiges Signal?
Deutschland kritisiert regelmäßig Staaten, in denen Kinder und Jugendliche als Soldaten missbraucht werden. Der Unterschied ist offensichtlich: Hier geht es nicht um Zwang oder bewaffnete Konflikte, sondern um eine reguläre Ausbildung in einem demokratischen Rechtsstaat. Und doch bleibt die irritierende Frage: Wo verläuft die Grenze zwischen Nachwuchsförderung und problematischer Frührekrutierung?
Angesichts steigender Personalprobleme stellt sich zudem eine unbequeme Frage: Senkt die Bundeswehr faktisch die Altersgrenze, um ihre Reihen zu füllen? Nimmt sie am Ende „alles, was bei drei nicht Nein gesagt hat“? Oder handelt es sich tatsächlich um ein klar geregeltes, verantwortungsvoll gestaltetes Angebot für junge Menschen mit echtem Berufswunsch?
Wer von einer „Kinderarmee“ spricht, greift polemisch zu kurz. Aber wer die Zahl von über 3.000 Minderjährigen einfach achselzuckend hinnimmt, macht es sich ebenfalls zu leicht. Gerade in Zeiten sicherheitspolitischer Spannungen braucht es eine offene Debatte darüber, wie jung Soldatinnen und Soldaten sein dürfen – und welches Bild von Verantwortung und Reife wir als Gesellschaft vertreten wollen.
Herr Pistorius, die Rechtslage mag eindeutig sein. Die ethische Frage ist es nicht.
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