Der Pazifikinselstaat Tuvalu, bisher bekannt für sonnenverbrannte Sandstrände, Palmenidylle und die geologische Stabilität einer nassen Serviette, macht nun ernst mit seinem Plan B: Flucht aufs australische Festland. Grund: Das Meer hat entschieden, näher ranzurücken – sehr viel näher.
Da Tuvalu in Sachen Erhebung geografisch etwa auf Höhe einer flachgelegten Yogamatte liegt (maximal 4,6 Meter über dem Meeresspiegel), ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Atolle mehr mit Wasser als mit Landmasse glänzen. Die NASA rechnet damit, dass das Hauptatoll Funafuti bis 2050 täglich geflutet wird – was der Lokalbevölkerung immerhin Gelegenheit bietet, jeden Morgen direkt aus dem Bett ins Meer zu rollen.
Australien öffnet die Türen – aber nur einen Spalt
Die Lösung? Australien, das bekanntlich für seine Großherzigkeit gegenüber Geflüchteten berüchtigt ist, hat 2023 ein „Klimavisum“ erfunden – also einen charmanten Rettungsring, der exakt 280 Menschen pro Jahr erlaubt, aus Tuvalus schleichendem Atlantis-Projekt auszusteigen. Bei 10.000 Einwohnern eine symbolische Geste – aber hey, auch Noah hatte auf seiner Arche nicht unbegrenzt Plätze.
Unter den ersten Auserwählten: eine Gabelstaplerfahrerin, eine Zahnärztin und ein Pastor – die drei Säulen jeder modernen Zivilisation. Alle dürfen nun in Australien leben, studieren und arbeiten. Im Gegenzug erhält Australien das Recht, in Tuvalus Außenpolitik mitzumischen – quasi als Eintrittspreis für den Klimaschutz light. Kritiker nennen das „geopolitischen Mietkauf“, andere schlicht: cleverer Imperialismus 2.0.
Machtspiele mit Meerblick
Denn während Tuvalu langsam in die Tiefsee übergeht, steigen die Spannungen an der Oberfläche. China zeigt zunehmend Interesse am Pazifikraum – und Australien gibt sich alle Mühe, die besten Grundstücke unter Wasser schon mal zu reservieren. Der Klimavertrag mit Tuvalu ist deshalb nicht nur humanitärer Akt, sondern auch sicherheitspolitischer Türsteherdienst.
„Es geht hier mehr um Einflusszonen als um den Wasserstand“, sagt Klimamigrationsforscherin Kira Vinke trocken. Wenn schon der Planet überläuft, möchte man wenigstens kontrollieren, wer dabei den Rettungsring trägt.
Staat ohne Boden – Zukunft aus der Cloud
Was passiert eigentlich mit einem Land, das verschwindet, aber als Staat weitermachen will? Tuvalu plant, seine Kultur zu digitalisieren, bevor sie weggespült wird – ein Projekt, das man auch als „Google Earth mit Staatsbürgerschaft“ bezeichnen könnte. Ziel: Der erste vollfunktionsfähige Staat in der Cloud. Server statt Souveränität.
„Wir retten nicht nur Menschen, wir retten eine Kultur“, sagt Vinke. Klingt nach Pathos – wirkt aber ziemlich notwendig, wenn demnächst Briefmarken von Tuvalu nur noch per IP-Adresse verschickt werden können.
Und die Australier?
Die Reaktion der Gastgebernation fällt gewohnt entspannt aus: Man hat den klimabedingten Exodus einfach nicht bemerkt. Keine Zeitungsmeldung, kein TV-Bericht, kein „Welcome Tuvalu“-Feuerwerk. Offenbar fällt ein ganzer Staat, der leise untergeht, immer noch leiser, wenn er in Flip-Flops einwandert.
Aber keine Sorge: Wenn das Meer weiter steigt, dürften auch die letzten Skeptiker nasse Füße bekommen. Und dann wird Tuvalus Exodus vielleicht doch noch das, was er längst ist: ein Vorbote. Für alle.
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