Die wirtschaftspolitische Agenda von US-Präsident Donald Trump hat einen neuen Namen: „Run it hot“. Dahinter steckt ein ambitionierter, aber riskanter Plan. Die Wirtschaft soll boomen, Unternehmen sollen dank Künstlicher Intelligenz produktiver werden – und das alles bei niedriger Inflation. Was nach einem goldenen Jahrzehnt klingt, könnte sich als hochgefährliches Spiel mit dem Feuer entpuppen.
Wirtschaftswunder 2.0 durch KI?
Trump und seine Berater, allen voran der frühere Wirtschaftsberater Kevin Hassett, sehen in der Künstlichen Intelligenz das neue Internet. Die These: So wie der technologische Aufbruch der 1990er-Jahre das Wachstum befeuerte, soll auch die KI nun eine neue Ära der Produktivität einläuten. Die Folge? Wirtschaftswachstum, steigende Aktienkurse – aber keine Preisexplosion.
„Es sieht sehr nach den Neunzigern aus“, sagte Hassett jüngst gegenüber CNBC. Die Parallelen seien offensichtlich: Die Wirtschaft wachse, Inflation bleibe im Zaum – dank Produktivitätsschüben durch neue Technologie.
Doch Wirtschaftsexperten mahnen zur Vorsicht: Die Rahmenbedingungen sind heute grundlegend andere.
Reiche treiben Wachstum – der Rest kämpft mit den Preisen
Zwar vermeldet das Handelsministerium ein solides Wirtschaftswachstum von 4,4 % im dritten Quartal 2025. Doch ein genauerer Blick zeigt: Dieses Wachstum speist sich zu einem Großteil aus dem Konsum der obersten Einkommensgruppen. Laut aktuellen Analysen stammen 59 % der Konsumausgaben von den reichsten 20 % der Bevölkerung.
Für viele Amerikaner hingegen wird der Alltag teurer: Mieten, Lebensmittel, Gesundheitskosten – der Wohlstand kommt bei der breiten Masse nicht an. Statt einem allgemeinen Aufschwung zeichnet sich eine sogenannte „K-förmige Erholung“ ab: Die Wohlhabenden prosperieren, während Geringverdiener zunehmend abgehängt werden.
KI-Hoffnung trifft Realität
Ein weiterer Unsicherheitsfaktor: Die vielbeschworene KI-Revolution ist bisher vor allem ein Versprechen – keine Garantie. Zwar fließen Milliardeninvestitionen in Rechenzentren, Software und Automatisierung, doch der breite praktische Nutzen für Unternehmen und Bevölkerung bleibt noch aus.
Selbst Microsoft-Chef Satya Nadella räumte beim Weltwirtschaftsforum in Davos ein, dass die Technologie „nur dann kein Hype ist, wenn sie breite Wirkung entfaltet“. Davon sei man noch weit entfernt.
Risiken: Arbeitslosigkeit, soziale Spannungen, politische Folgen
Sollte KI tatsächlich große Effizienzgewinne bringen, könnte das einen Preis haben: den Abbau von Arbeitsplätzen. Werden menschliche Arbeitskräfte durch Software ersetzt, droht ein Einbruch am Arbeitsmarkt – und das bei bereits niedrigen Leitzinsen. Die Zentralbank hätte in einem solchen Szenario kaum noch Mittel, um gegenzusteuern.
Hinzu kommt das politische Risiko: Ein Wirtschaftswachstum, das nur auf dem Papier gut aussieht, hilft in Wahlkämpfen wenig. „Man kann noch so gute BIP-Zahlen haben – wenn der Durchschnittsbürger keine Entlastung spürt, wird er nicht mitziehen“, warnt Mike O’Rourke, Marktstratege bei JonesTrading.
Fazit: Boom mit Nebenwirkungen
Die „Run it hot“-Strategie gleicht einem Hochseilakt. Gelingen Produktivitätsgewinne durch KI und greifen sie breit, könnten die USA ein neues Wirtschaftswunder erleben. Gelingt es nicht – oder profitieren nur wenige –, drohen soziale Spaltung, Vertrauensverlust in Politik und Marktverwerfungen.
Damit aus heißer Luft keine politische Bruchlandung wird, müsste die Regierung:
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Einkommenszuwächse gerechter verteilen,
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soziale Sicherheit ausbauen,
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und die Risiken des KI-Umbruchs aktiv gestalten.
Denn eines ist klar: Eine heiße Konjunktur mag für Analysten glänzen – doch nur eine breite Teilhabe macht daraus auch ein funktionierendes Land.
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