Die Vereinigten Staaten stehen vor einem tiefgreifenden Wandel im Umgang mit Obdachlosigkeit. Präsident Donald Trump hat am 24. Juli eine neue Anordnung unterzeichnet, die sich entschieden von dem bisher etablierten Prinzip „Housing First“ (erst Wohnen, dann Hilfe) abwendet – ein Ansatz, der sich in den letzten Jahrzehnten als erfolgreich etabliert hatte.
„Unordnung ist weder mitfühlend noch sicher“
Trump begründet den Schritt mit wachsender öffentlicher Unzufriedenheit über Zeltlager und vermehrte Obdachlosigkeit in Großstädten, auch in der Nähe des Weißen Hauses. Seiner Meinung nach seien die bisherigen Programme ineffektiv und teuer. Künftig sollen Organisationen, die Bundesmittel erhalten, vor allem Menschen mit Drogen- oder psychischen Problemen „in Gewahrsam“ nehmen, statt ihnen zuerst Wohnraum anzubieten.
„Unsere Städte und Bürger dem Chaos und der Angst zu überlassen, ist weder mitfühlend gegenüber Obdachlosen noch gegenüber anderen Bürgern“, erklärte Trump.
Fachleute schlagen Alarm: „Das verschärft das Problem“
Führende Sozialarbeiter, Mediziner und Psychologen kritisieren Trumps Pläne scharf. Sie warnen, dass die Anordnung die Lage eher verschlimmern werde – insbesondere, weil sie keine neuen Mittel für Therapie oder Drogenentzug bereitstellt.
Dr. Margot Kushel, Professorin an der University of California in San Francisco und Expertin für Obdachlosigkeit, bringt es auf den Punkt: „Wenn Sie keine Menschen auf der Straße schlafen sehen wollen, dann sollten Sie diese Maßnahmen entschieden ablehnen.“
Sie verweist auf eine zentrale Erkenntnis: Der Hauptgrund für Obdachlosigkeit sei nicht eine psychische Erkrankung, sondern fehlender bezahlbarer Wohnraum.
Zwangseinweisungen statt Wohnungshilfe
Kernpunkt der Anordnung ist die Ausweitung sogenannter „Zwangseinweisungen“ – dabei können Menschen gegen ihren Willen festgehalten und behandelt werden. Diese Praxis sei teuer, ineffektiv und entmenschlichend, sagen Experten. Studien zeigen, dass die „Housing First“-Strategie deutlich günstiger und nachhaltiger wirkt.
Patrick Wildes vom Albany Law School’s Government Law Center betont: „Das Ziel darf nie sein, Menschen einfach zu verwahren – sondern ihnen zu helfen, wieder Teil der Gesellschaft zu werden.“
Keine Finanzierung, keine Umsetzung – nur mehr Belastung
Laut Heidi Eastman vom größten psychiatrischen Dienstleister in Colorado, WellPower, fehlen derzeit jegliche Finanzierungspläne zur Umsetzung der Anordnung. „Das wird die Anbieter überfordern, die Systeme überlasten und zu mehr teuren stationären Behandlungen führen – selbst für Menschen, die das nicht brauchen“, warnt Eastman.
Ein Bericht aus Colorado belegt: Durch die „Housing First“-Strategie konnten jährlich über 3.700 Dollar pro Person eingespart werden, weil Kosten für Polizei und Justiz sanken. 77 % der Betroffenen blieben drei Jahre später weiterhin in stabilem Wohnraum.
Kritik: „Armut wird kriminalisiert“
Jesse Rabinowitz vom National Homelessness Law Center sieht in Trumps Vorgehen einen Rückfall in überholte Denkweisen: „Diese Politik kriminalisiert Armut und Krankheit, statt sie zu lösen.“ Der Fokus auf sichtbare Zeltlager passe zur Herkunft Trumps als Bauunternehmer, nicht aber zur Realität vieler Betroffener.
Fazit: Symbolpolitik ohne Substanz
Ob Trumps Anordnung tatsächlich Auswirkungen zeigt, ist unklar – viele Organisationen rechnen mit juristischen und logistischen Hürden. Doch eines scheint sicher: Ohne zusätzliche Mittel, bezahlbaren Wohnraum und tragfähige Konzepte bleibt das Problem bestehen.
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