Ein Air-Canada-Jet landet nachts in New York – auf derselben Bahn kreuzt ein Löschfahrzeug. Sekunden später kommt es zur Kollision. Zwei Piloten sterben, Dutzende Menschen werden verletzt. Der Unfall wirft erneut Fragen zur Sicherheit im US-Luftverkehr auf.
Es ist kurz vor Mitternacht in New York, als sich auf dem Rollfeld des Flughafens LaGuardia ein Szenario abspielt, das selbst erfahrene Luftfahrtexperten fassungslos macht. Ein Regionaljet von Air Canada setzt zur Landung an. Gleichzeitig rollt ein Feuerwehrfahrzeug über dieselbe Start- und Landebahn. Wenige Sekunden später prallt das Flugzeug mit hoher Geschwindigkeit in das Einsatzfahrzeug.
Zwei Menschen im Cockpit sterben. Dutzende Passagiere werden verletzt. Es ist der erste tödliche Zwischenfall in LaGuardia seit mehr als 30 Jahren.
Ein verspäteter Flug, ein überforderter Kontrollturm
Der Flug AC8646 sollte am Sonntagabend gegen 20 Uhr in Montreal starten. Doch die Maschine hebt mit mehr als zwei Stunden Verspätung erst nach 22 Uhr ab. An Bord: Passagiere auf einem Routineflug nach New York, Flugzeit knapp eine Stunde.
Im Cockpit sitzen laut US-Luftfahrtbehörde zwei junge Piloten am Beginn ihrer Karriere: Kapitän Antoine Forest und Erster Offizier Mackenzie Gunther.
In LaGuardia herrscht zu dieser Zeit Nachtbetrieb. Im Tower arbeiten nach Angaben der US-Unfallermittler nur zwei Fluglotsen – eine personell übliche Besetzung in den späten Stunden. Einer ist für die aktive Start- und Landebahn sowie den Luftraum zuständig, der andere als diensthabender Vorgesetzter koordiniert zusätzlich Freigaben und überwacht den Betrieb.
Formal entspricht das den Vorschriften. Doch nach dem Unglück wirkt die Minimalbesetzung wie ein Risiko mit Ansage.
Ein Notfall – und dann eskaliert alles
Kurz vor der Landung der Air-Canada-Maschine meldet sich zunächst ein anderes Flugzeug bei der Flugsicherung: Eine United-Airlines-Maschine will zum Gate zurückkehren. An Bord sei ein merkwürdiger Geruch festgestellt worden, Probleme gebe es zudem mit dem Enteisungssystem. Der Pilot fordert Feuerwehrunterstützung an, später erklärt er einen Notfall. Mehrere Flugbegleiter klagen demnach über Unwohlsein.
Im Tower beginnt hektische Koordination. Für die United-Maschine muss ein freies Gate gefunden werden, zugleich wird ein Löschfahrzeug der Port Authority alarmiert.
Dann folgen mehrere Entscheidungen in schneller Abfolge – und genau hier beginnt offenbar die Kette, die in die Katastrophe führt.
Um etwa 23.35 Uhr erhält Air-Canada-Flug 8646 die Freigabe zur Landung auf Runway 4.
Wenige Minuten später bekommt ausgerechnet das Feuerwehrfahrzeug, das wegen des United-Notfalls unterwegs ist, die Erlaubnis, eben diese Bahn zu überqueren: Runway 4.
Sekunden nach dieser Freigabe ändert ein Lotse offenbar seine Einschätzung. Auf den Funkaufnahmen ist zu hören, wie er mit Nachdruck ruft:
„Stop, stop, stop, stop, stop! Truck One, stop, stop, stop!“
Doch da ist es bereits zu spät.
Aufprall mit mehr als 160 Stundenkilometern
Die Air-Canada-Maschine hat bereits aufgesetzt. Mit mehr als 100 Meilen pro Stunde – also deutlich über 160 km/h – rast sie auf das Einsatzfahrzeug zu.
Ob die Feuerwehrleute den Funkspruch hörten oder missverstanden, ist bislang unklar. Klar ist nur: Das Löschfahrzeug befindet sich noch auf der Bahn.
Der Regionaljet vom Typ CRJ-900 prallt in die Seite des Feuerwehrfahrzeugs. Die Wucht des Aufschlags ist enorm. Die Flugzeugnase wird förmlich abgerissen, das Löschfahrzeug kippt um.
Später weisen die Ermittler auf einen möglichen technischen Faktor hin: Das Einsatzfahrzeug verfügte nach Angaben der US-Unfallbehörde über keinen Transponder – also kein System, das seine Position für die Flugsicherung eindeutig sichtbar macht.
Panik in der Kabine
Für die Passagiere an Bord beginnt in diesem Moment ein Albtraum.
Eine Passagierin, die in einer Notausgangsreihe sitzt, schildert später, die Landung habe sich zunächst ungewöhnlich hart angefühlt. Dann habe sie Bremsgeräusche gehört, ein Schleifen – und plötzlich einen gewaltigen Knall.
Der Jet kommt mit zerstörter Frontpartie zum Stehen. Im Inneren bricht Chaos aus. Menschen schreien, ducken sich, versuchen zu begreifen, was geschehen ist.
Eine Flugbegleiterin wird Berichten zufolge aus ihrem Sitz auf die Landebahn geschleudert. Dutzende Menschen erleiden Verletzungen.
Weil aus Cockpit und Kabine zunächst offenbar keine klare Evakuierungsanweisung kommt, organisieren Passagiere ihre Flucht teilweise selbst. Einige öffnen einen Notausgang, klettern auf die Tragfläche und springen auf das Rollfeld.
Videoaufnahmen zeigen Menschen, die in Panik über den Flügel ins Freie gelangen.
Warum es nicht noch schlimmer kam
Luftfahrtexperten sprechen von einem fatalen, aber zugleich in gewisser Weise „glücklichen“ Einschlagspunkt.
Denn: Hätte die Maschine das Feuerwehrfahrzeug an einer anderen Stelle getroffen – etwa auf Höhe der Tragflächen, Triebwerke oder Treibstofftanks –, hätte sich das Flugzeug wohl sofort entzündet. Dann wäre aus dem Unfall sehr wahrscheinlich ein Massensterben geworden.
Stattdessen traf der Jet das Fahrzeug zentral. Das zerstörte zwar den vorderen Teil der Maschine massiv, verhinderte aber offenbar einen großflächigen Brand.
Die beiden Piloten bezahlten den Aufprall mit ihrem Leben. Viele Passagiere sehen in ihrem Handeln dennoch den Grund, warum die Bilanz nicht noch verheerender ausfiel. Mehrere Überlebende berichten, die Besatzung habe noch versucht, maximal abzubremsen und den Aufprall abzumildern.
„Ich habe Mist gebaut“
Besonders verstörend ist ein Funkspruch, der wenige Minuten nach dem Unglück aufgezeichnet wird.
Ein Pilot einer anderen Maschine sagt dem offenbar sichtlich mitgenommenen Fluglotsen: „Das war nicht gut mit anzusehen.“
Der Lotse antwortet: „Ja, ich weiß. Ich habe versucht, sie zu erreichen. Wir hatten vorher einen Notfall. Ich habe Mist gebaut.“
Der andere Pilot versucht zu beruhigen: „Nein, Mann. Du hast getan, was du konntest.“
Für Ermittler ist ein solcher Satz kein Schuldeingeständnis im juristischen Sinn. Aber er zeigt, wie hoch die Belastung in diesen Minuten gewesen sein muss.
Neue Zweifel an der Sicherheit des US-Luftverkehrs
Der Unfall in LaGuardia reiht sich in eine Serie schwerer Zwischenfälle ein, die die US-Luftfahrtbranche seit Monaten unter Druck setzen.
Experten sprechen inzwischen offen von einem System, das an seine Grenzen stößt. Fluglotsen arbeiteten vielerorts mit Personalmangel, teils in verpflichtenden Sechs-Tage-Wochen und Zehn-Stunden-Schichten. Fehlerketten würden dadurch wahrscheinlicher.
Zwar betonte Verkehrsminister Sean Duffy, LaGuardia sei im Vergleich zu anderen Flughäfen „eigentlich gut besetzt“. Tatsächlich lag die Zahl der Fluglotsen dort aber leicht unter dem Soll: 33 Beschäftigte, sieben in Ausbildung, Zielgröße 37.
Die US-Unfallbehörde hatte bereits seit Jahren vor sogenannten kombinierten Positionen in Towers gewarnt – also Konstellationen, in denen einzelne Lotsen mehrere Aufgaben gleichzeitig übernehmen müssen. Genau solche Strukturen spielten auch bei anderen schweren Unfällen zuletzt eine Rolle.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: Laut NTSB löste das Bodenradarsystem des Flughafens keinen Warnalarm vor der Kollision aus. Grund sei die räumliche Nähe mehrerer Fahrzeuge und Bewegungen nahe der Bahn gewesen, wodurch das System keine verlässliche Positionsverfolgung habe aufbauen können.
Mit anderen Worten: In dem Moment, in dem Technik hätte warnen sollen, schwieg sie.
Die Ermittlungen haben begonnen
Sowohl die US-amerikanische als auch die kanadische Transportsicherheitsbehörde untersuchen inzwischen den Hergang. Bis eine endgültige Ursache feststeht, dürften Monate vergehen. In der Luftfahrt dauern solche Analysen häufig ein Jahr oder länger.
Noch ist auch unklar, wer in jener Nacht exakt für welche Bewegungen am Boden verantwortlich war. Nach Angaben der NTSB gibt es widersprüchliche Informationen darüber, ob der lokale Lotse oder der diensthabende Vorgesetzte die Rolle des Bodenlotsen übernahm.
Sicher ist nur: Mehrere Sicherheitsbarrieren versagten gleichzeitig.
LaGuardia blieb nach dem Unfall mehr als 13 Stunden geschlossen. Die betroffene Landebahn 4 soll nach Angaben der US-Luftfahrtbehörde noch bis Freitag außer Betrieb bleiben.
Zwei Tote – und viele offene Fragen
Für die Angehörigen der beiden getöteten Piloten ist all das zweitrangig. Für die Passagiere bleibt ein Trauma. Für die Behörden ist der Fall ein weiteres Warnsignal.
Ein verspäteter Flug. Ein medizinischer oder technischer Notfall auf einer anderen Maschine. Ein Löschfahrzeug ohne Transponder. Eine Bahnfreigabe zur falschen Zeit. Zwei Lotsen in einem hochkomplexen Nachtbetrieb. Kein automatischer Alarm.
Jeder dieser Faktoren für sich wäre beherrschbar gewesen. Zusammen wurden sie tödlich.
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