Der Kurzvideo-Dienst TikTok analysiert nicht nur das Verhalten seiner Nutzer innerhalb der eigenen App. Über technische Schnittstellen verfolgt das Unternehmen auch Aktivitäten auf externen Webseiten – selbst von Personen, die nie ein TikTok-Konto besessen haben. Datenschützer sehen darin eine weitreichende Ausdehnung kommerzieller Überwachung im Netz.
Im Zentrum steht das sogenannte „TikTok Pixel“, ein unsichtbares Tracking-Element, das Betreiber in ihre Webseiten einbinden können. Solche Pixel sind in der Online-Werbung seit Jahren üblich. Auch große Plattformen wie Google oder Meta nutzen vergleichbare Verfahren. Sie erfassen, welche Seiten Nutzer besuchen, welche Produkte sie ansehen und ob sie nach einer Werbeanzeige einen Kauf tätigen. Für Unternehmen sind diese Daten wertvoll, weil sie den Erfolg von Werbekampagnen messbar machen.
Neu ist jedoch, dass TikTok sein Pixel technisch erweitert hat. Künftig soll es nicht nur erfassen, ob Werbung innerhalb der App wirkt, sondern auch, was Nutzer nach dem Verlassen der Plattform auf anderen Seiten tun. Damit wird es für Werbekunden attraktiver, Anzeigen zu schalten – und für TikTok wächst die Menge der erfassten Daten.
Nach Analysen von IT-Sicherheitsfirmen sammelt das aktualisierte Pixel Informationen in ungewöhnlich großem Umfang. In Tests wurden unter anderem Datenübertragungen im Zusammenhang mit sensiblen Themen wie Krebserkrankungen, Fruchtbarkeit oder psychischen Krisen festgestellt. Webseiten, die das Pixel einsetzen, senden bei bestimmten Interaktionen – etwa beim Ausfüllen eines Formulars – technische Informationen an TikTok-Server. Das kann auch E-Mail-Adressen oder andere identifizierende Merkmale umfassen. Da solche Pixel jede Besucherin und jeden Besucher erfassen, spielt es keine Rolle, ob jemand selbst bei TikTok registriert ist.
TikTok weist darauf hin, dass Webseitenbetreiber für die Einhaltung von Datenschutzgesetzen verantwortlich seien. Sensible Informationen dürften nicht übermittelt werden; zudem stelle man Transparenzhinweise und Einstellungsoptionen bereit. Kritiker halten dagegen, dass die strukturelle Ausweitung plattformübergreifender Datensammlung das eigentliche Problem sei. Laut Erhebungen von Datenschutzanbietern finden sich TikTok-Tracker inzwischen auf einem wachsenden Anteil stark frequentierter Webseiten – wenn auch deutlich seltener als die Tracking-Technologien von Google oder Meta.
Für Verbraucherinnen und Verbraucher bedeutet dies vor allem eines: detailliertere Werbeprofile. Algorithmen können aus den gesammelten Daten Interessen, finanzielle Spielräume oder persönliche Krisen ableiten. Neben personalisierter Werbung drohen Risiken wie Preismanipulation, politische Einflussnahme oder Diskriminierung.
Wer sich schützen möchte, kann mit überschaubarem Aufwand gegensteuern. Ein Wechsel zu datenschutzorientierten Browsern wie DuckDuckGo oder Brave reduziert die Zahl externer Tracker deutlich. Auch Mozilla Firefox oder Safari gelten als datensparsamer als Google Chrome. Alternativ lassen sich Erweiterungen installieren, die Tracking-Pixel blockieren. Zudem bietet TikTok selbst Funktionen an, mit denen gespeicherte Off-Platform-Daten gelöscht werden können.
Vollständige Kontrolle gibt es jedoch nicht. Viele Unternehmen übermitteln Nutzerdaten serverseitig direkt an Werbenetzwerke – ein Prozess, der für Außenstehende kaum nachvollziehbar ist. Fachleute betonen daher, dass technischer Selbstschutz nur begrenzt wirkt. Langfristig seien strengere Datenschutzgesetze und klarere Regulierung des digitalen Werbeökosystems erforderlich.
Die Debatte um TikTok verdeutlicht damit ein Grundproblem der digitalen Ökonomie: Je präziser die Datensammlung, desto lukrativer die Werbung – und desto größer die Eingriffe in die Privatsphäre.
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