Seit mehr als einem Jahrzehnt prägt Chinas Präsident Xi Jinping die Politik seines Landes mit einer der größten Anti-Korruptionskampagnen der modernen Geschichte. Millionen Beamte wurden bereits untersucht, diszipliniert oder entlassen. Doch trotz dieser massiven Säuberungswelle geht der Kampf gegen Korruption weiter – und zeigt keine Anzeichen eines Endes.
Auffällige Lücken beim Volkskongress
Beim jüngsten Nationalen Volkskongress in Peking, einem der wichtigsten politischen Treffen des Landes, fiel Beobachtern etwas auf: Rund 100 Delegierte fehlten bei der Eröffnungssitzung.
Viele dieser Abwesenden gehören zu den jüngsten Opfern der Anti-Korruptionskampagne. Die leeren Plätze stehen im starken Kontrast zu dem Bild von Stabilität und Geschlossenheit, das die Kommunistische Partei normalerweise vermitteln möchte.
Ein System mit strukturellen Problemen
Als Xi Jinping 2012 die Führung der Kommunistischen Partei übernahm, war Korruption tatsächlich ein ernstes Problem. Die Partei zählt über 100 Millionen Mitglieder und Millionen Funktionäre auf verschiedenen Ebenen.
Experten erklären, dass viele Beamte relativ schlecht bezahlt werden, während sie gleichzeitig über enorme Macht verfügen. In einem solchen System entsteht leicht Korruption – von kleinen Gefälligkeiten bis zu großen Bestechungsskandalen.
Xi kündigte damals an, gegen „Tiger und Fliegen“ vorzugehen – also sowohl gegen hochrangige Funktionäre als auch gegen einfache Beamte.
Millionen Disziplinarverfahren
Seit Beginn der Kampagne wurden Millionen Parteimitglieder bestraft, entlassen oder inhaftiert. Allein im Jahr 2025 wurden laut offiziellen Angaben fast eine Million Menschen disziplinarisch belangt.
Zu den spektakulärsten Fällen gehörten:
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der einstige Politstar Bo Xilai, der 2013 wegen Korruption verurteilt wurde
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der frühere Sicherheitschef Zhou Yongkang, der 2015 lebenslang ins Gefängnis kam
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mehrere hochrangige Militärs und Regierungsbeamte
Die Kampagne hat damit praktisch alle Ebenen der chinesischen Verwaltung erfasst – von Dorfbeamten bis zu Spitzenpolitikern.
Kampf gegen Korruption – oder Machtinstrument?
Viele Analysten sind überzeugt, dass die Kampagne zwei Ziele gleichzeitig verfolgt.
Zum einen soll sie tatsächlich Korruption bekämpfen und die Partei disziplinieren. Zum anderen dient sie laut Beobachtern auch dazu, politische Rivalen zu entfernen und Loyalität gegenüber Xi zu erzwingen.
Der Begriff „Korruption“ wird dabei zunehmend breit ausgelegt. Er kann nicht nur Bestechung oder Betrug umfassen, sondern auch:
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mangelnde politische Loyalität
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ideologische Abweichungen
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fehlende Unterstützung für Xis politische Ziele
Besonders betroffen: das Militär
Besonders stark traf die Kampagne die Volksbefreiungsarmee (PLA). Schätzungen zufolge wurden mehr als die Hälfte der führenden Militärpositionen in den vergangenen Jahren durch Ermittlungen oder Disziplinarmaßnahmen verändert.
Allein Ende 2025 wurden mehrere Top-Generäle wegen schwerer Korruptionsvorwürfe entlassen. Selbst enge Verbündete Xis gerieten ins Visier.
Das höchste militärische Gremium, die Zentrale Militärkommission, wurde dadurch drastisch verkleinert.
Experten sehen darin auch einen Versuch Xis, die Armee vollständig unter seine persönliche Kontrolle zu bringen – ein entscheidender Faktor für seine politische Zukunft.
Angst vor Instabilität
Für Xi Jinping ist die Kampagne auch eine Frage des politischen Überlebens. Die Führung in Peking fürchtet, dass eine unkontrollierte Partei zu Instabilität führen könnte – ähnlich wie beim Zusammenbruch der Sowjetunion, auf den Xi häufig verweist.
Gleichzeitig steht China vor mehreren Herausforderungen:
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eine schwächelnde Wirtschaft
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wachsende Unzufriedenheit unter jungen Menschen
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zunehmende geopolitische Rivalität mit den USA
Vor diesem Hintergrund betont die Führung immer wieder die Bedeutung von Einheit, Disziplin und nationaler Stärke.
Ein Prozess ohne absehbares Ende
Xi Jinping befindet sich inzwischen in seiner historischen dritten Amtszeit, die im kommenden Jahr endet. Doch viele Beobachter erwarten nicht, dass die Anti-Korruptionskampagne danach endet.
Im Gegenteil: Sie ist zu einem zentralen Instrument der Machtsicherung geworden.
Einige Experten gehen sogar davon aus, dass Xis enger Kreis an Vertrauten immer kleiner wird – solange, bis praktisch nur noch Politiker übrig bleiben, die vollständig aus seinem eigenen politischen Netzwerk stammen.
Der Kampf gegen Korruption ist damit längst mehr als nur ein Reformprojekt. Für Xi ist er vor allem eines: ein Mittel zur Kontrolle – und zur Sicherung seiner Macht.
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