In diesem Monat haben sich neun große Kaffeehausketten des Landes verpflichtet, den Zuckergehalt dessen, was bislang als „normale Süße“ galt, in ausgewählten Getränken zu halbieren. Die Initiative ist Teil einer landesweiten Kampagne, die darauf abzielt, den Geschmackssinn der Bevölkerung schrittweise an weniger Süße zu gewöhnen.
Der Hintergrund ist alarmierend: Thailänderinnen und Thailänder konsumieren durchschnittlich 21 Teelöffel Zucker pro Tag – mehr als das Dreifache der von der World Health Organization empfohlenen Höchstmenge von sechs Teelöffeln täglich. Besonders zuckerhaltige Getränke tragen erheblich zu diesem hohen Konsum bei. Thailand zählt seit Jahren zu den größten Abnehmern gesüßter Getränke in Asien.
Zuckersteuer zeigt Wirkung – aber nicht überall
Bereits 2017 führte Thailand schrittweise eine Zuckersteuer auf industriell abgefüllte Softdrinks ein; die letzte Phase trat im vergangenen Jahr in Kraft. Hersteller zahlen höhere Abgaben, wenn ihre Produkte besonders viel Zucker enthalten. Laut Pojjana Hunchangsith von der Mahidol-Universität habe dies vor allem zu einer Reformulierung vieler Produkte geführt: Zahlreiche Unternehmen reduzierten den Zuckergehalt, um höhere Steuersätze zu vermeiden.
Allerdings greift die Steuer nicht bei frisch zubereiteten Getränken in Cafés oder an Straßenständen. Gerade dort ist das Angebot besonders vielfältig – von Bubble-Milchtee über Eiskakao bis hin zu Zitronentee oder „Pink Milk“, einem süßen Getränk mit Sala-Sirup. Diese frisch gemixten Drinks gelten als wichtige Zuckerquellen, sind aber schwer zu regulieren.
Kleine Veränderungen mit großer Wirkung
Die neue Initiative setzt daher auf Verhaltensänderung statt allein auf Besteuerung. In vielen Cafés können Kundinnen und Kunden bereits zwischen verschiedenen Süßegraden wählen – etwa 0 %, 25 %, 50 %, 75 % oder 100 %. Künftig bedeutet „100 % Süße“ bei bestimmten Getränken nur noch halb so viel Zucker wie bisher.
Der Wirtschaftswissenschaftler Phumsith Mahasuweerachai von der Khon Kaen University sieht darin einen sinnvollen Ansatz. Studien zeigten, dass allein die Möglichkeit, den Süßegrad aktiv auszuwählen, viele Menschen dazu bringe, weniger Zucker zu wählen. Reine Kalorienangaben hingegen hätten kaum Einfluss auf das Bestellverhalten. „Ohne einen kleinen Anstoß ist es schwer, Gewohnheiten zu ändern“, sagt er. „Im Café läuft vieles automatisch ab.“
Auch Ann Thumthong, eine 55-jährige Taxifahrerin aus Bangkok, begrüßt die Maßnahmen. Es sei schwierig, im Alltag süße Speisen und Getränke zu vermeiden. Mit zunehmendem Alter sei sie jedoch bewusster geworden. Früher habe sie nach jeder Mahlzeit automatisch ein Dessert gegessen, heute greife sie häufiger zu Obst. Man könne seinen Geschmack durchaus umtrainieren, meint sie.
Tradition trifft Gesundheitsbewusstsein
Für Verkäuferinnen wie „Tante Nid“ hingegen ist weniger Zucker kaum vorstellbar. Seit 30 Jahren verkauft sie Tee und Kaffee in Bangkoks Altstadt. Ihr Laden ist bei Einheimischen wie bei Touristinnen und Touristen gleichermaßen beliebt – nicht zuletzt durch soziale Medien. Eine Schlange zieht sich regelmäßig bis vor die Tür.
„Der Grund, warum diese Getränke so beliebt sind, ist ihr starker, intensiver Geschmack“, sagt sie. Ohne Zucker würden Kaffee und Tee fade und bitter schmecken. An ihrer Rezeptur möchte sie nichts ändern: „Nein, nein, nein“, sagt sie lachend.
Zwischen Genuss und Gesundheit
Thailand steht damit vor einem Balanceakt: Einerseits sind süße Getränke fest in der Alltagskultur verankert und wirtschaftlich bedeutend. Andererseits steigen gesundheitliche Risiken wie Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Regierung hofft, durch schrittweise Anpassungen – weniger Zucker als neue Norm – langfristig das Konsumverhalten zu verändern, ohne den Menschen den Genuss vollständig zu nehmen.
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