Wenn Finnland angegriffen würde, wüsste Janne Ahtoniemi genau, was zu tun ist. Allerdings würde er nicht zur Waffe greifen. Stattdessen würde er dafür sorgen, dass die Regale in den Supermärkten gefüllt bleiben.
Ahtoniemi arbeitet für die landesweit tätige Supermarktkette S Group – und ist Teil eines Systems, das in Europa einzigartig ist. In Finnland gehören nicht nur Militär und Behörden zur Landesverteidigung, sondern auch Unternehmen. Supermärkte, Logistikfirmen und sogar IT-Dienstleister haben detaillierte Notfallpläne für den Krisenfall.
Das Konzept dahinter nennt sich „umfassende Sicherheit“. Es geht davon aus, dass moderne Bedrohungen längst nicht mehr nur militärischer Natur sind. Cyberangriffe, unterbrochene Lieferketten oder Energieausfälle können ein Land ebenso destabilisieren wie ein klassischer Angriff.
Für Finnland ist diese Denkweise naheliegend. Das Land teilt eine mehr als 1.300 Kilometer lange Grenze mit Russland – und hat seine Sicherheitsstrategie seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 deutlich verschärft.
Im Zentrum steht eine enge Zusammenarbeit zwischen Staat und Wirtschaft. Unternehmen, die als kritisch gelten, sind in sogenannte „Vorsorgeausschüsse“ eingebunden und nehmen regelmäßig an nationalen Übungen teil. Dabei wird simuliert, wie die Versorgung der Bevölkerung auch unter extremen Bedingungen aufrechterhalten werden kann.
Supermärkte spielen dabei eine Schlüsselrolle. Sie sind nicht nur Verkaufsorte, sondern Teil der nationalen Infrastruktur. Gesetzlich sind große Handelsketten verpflichtet, strategische Reserven anzulegen – etwa Mehl, Zucker oder Speiseöl. Diese Vorräte lagern in speziell gesicherten Depots, teils sogar in unterirdischen Anlagen mit eigener Stromversorgung.
„Die Versorgungssicherheit basiert auf jahrzehntelanger Vorbereitung“, sagt Ahtoniemi. Unternehmen hätten verstanden, dass sie eine zentrale Rolle im Krisenfall spielen.
Auch der Wettbewerber Kesko verfolgt einen ähnlichen Ansatz. „Wir wollen sicherstellen, dass die Gesellschaft unter allen Umständen funktioniert“, sagt Manager Jyrki Tomminen. Dafür würden regelmäßig Szenarien durchgespielt – von Naturkatastrophen bis hin zu groß angelegten Cyberangriffen.
Doch nicht nur Unternehmen sind Teil dieser Strategie. In Finnland wird auch von den Bürgerinnen und Bürgern erwartet, Verantwortung zu übernehmen. Viele Männer – und zunehmend auch Frauen – leisten Wehrdienst und bleiben als Reservisten verfügbar. Im Ernstfall könnten sie auch außerhalb des Militärs eingesetzt werden, je nach Qualifikation.
Dieses System funktioniert vor allem aus einem Grund: Vertrauen. Finninnen und Finnen vertrauen ihren Institutionen – und einander. Studien zeigen, dass Sicherheit für viele Menschen im Land ein zentraler Bestandteil von Lebensqualität ist.
Gleichzeitig gilt: Nicht alles wird öffentlich gemacht. Details zu konkreten Notfallplänen bleiben bewusst geheim.
Finnlands Modell zeigt, wie sich moderne Verteidigung verändert hat. Es geht nicht mehr nur um Panzer und Soldaten – sondern auch um Lieferketten, Stromnetze und Supermarktregale. In einem möglichen Krisenfall könnte genau das den entscheidenden Unterschied machen.
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