Für Farzana Ghani erzählt jedes einzelne Goldstück eine Geschichte.
Ein filigranes Schmuckset von ihrer Schwiegermutter zur Hochzeit in Pakistan, eine goldene Kette als Geschenk nach ihrer Pilgerreise nach Mekka, Goldmünzen zur Geburt ihrer Tochter. Und: Sie kauft weiter.
„Verglichen mit Anleihen oder Bargeld würde ich immer wieder Goldmünzen kaufen“, sagt die 56-jährige Pakistanerin, die heute in Miami lebt.
Was für viele auf der Welt nur eine Anlage ist, ist für Millionen südasiatischer Frauen weit mehr: eine kulturelle Tradition, ein Familienerbe – und ein wirtschaftlicher Rettungsanker. Und im Jahr 2025 erweist sich dieses stille Goldvermögen als besonders wertvoll. Denn: Der Goldpreis hat erstmals die Marke von 4.000 US-Dollar pro Feinunze durchbrochen – ein Rekordhoch.
Gold als generationsübergreifende Altersvorsorge
In Süd- und Südostasien – insbesondere in Indien, Pakistan und Bangladesch – ist es seit Generationen üblich, dass Frauen zur Hochzeit, zu religiösen Festen oder zur Geburt eines Kindes Gold geschenkt bekommen. Die Sammlung beginnt oft schon zur Geburt eines Mädchens. Schmuckstücke werden nicht verkauft, sondern gehütet – als symbolträchtiger Besitz, oft das einzige Vermögen, das ausschließlich Frauen gehört.
„Was immer ich habe, ist aus Gold“, sagt eine Frau in einem viralen TikTok-Video und zeigt eine 24-Karat-Kette, die sie vor 28 Jahren gekauft hat. Damals kostete ein Gramm Gold 12 Dollar. Heute: über 100.
Goldboom durch globale Unsicherheiten
Der massive Preisanstieg wird von mehreren Faktoren befeuert – unter anderem durch die Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump, Spannungen mit der Federal Reserve sowie eine erwartete Senkung der US-Leitzinsen, die Anleger verunsichert.
Im ersten Quartal 2025 verzeichnete Gold die beste Performance seit 1986. Auch andere Edelmetalle wie Silber und Platin profitieren. Silber hat sich in den letzten 50 Jahren um über 1.000 % verteuert – Gold um mehr als 2.700 %.
„Gold ist ein sicherer Hafen“, sagt Vermögensberater Joshua Barone von Savvy Advisors.
Indien: Weltweit zweitgrößter Goldmarkt
Indien ist nach China der zweitgrößte Markt für Goldschmuck weltweit. Laut dem World Gold Council wurden dort im Jahr 2021 rund 611 Tonnen Goldschmuck gekauft – im Vergleich: der gesamte Nahe Osten lag bei 241 Tonnen.
Angetrieben wird die Nachfrage insbesondere durch Hochzeiten: Rund 11 bis 13 Millionen Hochzeiten jährlich machen allein den Brautschmuck in Indien zum Marktsegment mit dem größten Goldanteil.
Auch in Europa steigt das Interesse: Beim britischen Edelmetallhändler Solomon Global stammen rund 10 % der Kundschaft aus der südasiatischen Diaspora – Tendenz steigend.
Gold als finanzielle Absicherung für Frauen
In vielen Teilen Südasiens haben Frauen noch immer keinen eigenständigen Zugang zu Bankkonten oder Finanzprodukten. Gold dient daher als physische Altersvorsorge und Notfall-Reserve.
Eine YouGov-Umfrage zeigt: In Indien verwalten weniger als 50 % der Frauen ihre Finanzen selbstständig.
„Unsere Mütter haben uns beigebracht, jeden überschüssigen Rupie zur Seite zu legen – und Gold zu kaufen“, sagt Farzana Ghani. „Ostfrauen sind dafür bekannt, Geld für schlechte Zeiten zu haben.“
Trotz Rekordpreisen: Kein Verkaufswille
Trotz der hohen Preise verkaufen die meisten Südasiaten ihr Gold nicht.
„Im Westen hält man Gold in Krisenzeiten“, sagt Joseph Cavatoni vom World Gold Council.
„Südasiatische Familien halten es immer – weil sie sehen, dass Gold mit dem Wirtschaftswachstum mitwächst.“
Statt zu verkaufen, werden alte Schmuckstücke lieber in moderne Designs umgewandelt, die auch im Alltag tragbar sind.
„Die junge Generation will Gold, aber tragbar, nicht nur im Schließfach“, sagt Sachin Jain, CEO des World Gold Council Indien.
Auch Farzana Ghani ließ zur Hochzeit ihrer Tochter ihre Münzen einschmelzen und in ein modernes Set verwandeln. Ein Erbe – für ihre Tochter. Und eines Tages für deren Kinder.
„Sie wollte Modeschmuck tragen“, sagt Ghani kopfschüttelnd. „Aber Gold ist elegant. Gold ist zeitlos. Ich habe ihr gesagt: Trage nichts anderes.“
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