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„Steueroase Lohmen“: Wie ein Dorf in Mecklenburg-Vorpommern zur Heimat von Hunderten Briefkastenfirmen wurde

geralt (CC0), Pixabay
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Es wirkt wie ein Ort, an dem die Zeit langsamer vergeht: Lohmen, ein kleines Dorf im Landkreis Rostock, geprägt von Fachwerk, Feldern und Stille. Keine Wolkenkratzer, keine Industrieparks, keine Firmenschilder. Doch wer hinter die Kulissen schaut, stößt auf ein Phänomen, das man in einer ruhigen Landgemeinde kaum vermuten würde. Lohmen ist zu einem der ungewöhnlichsten Unternehmensstandorte Deutschlands geworden – und das nicht wegen seiner Landschaft, sondern wegen seiner Steuern.

Ein Dorf lockt mit deutschlandweit niedrigem Steuerniveau

Der Schlüssel liegt im Gewerbesteuerhebesatz. Die Gemeinde hat ihn auf 260 Prozent festgelegt – einer der niedrigsten Werte in der gesamten Bundesrepublik. Unternehmen zahlen dadurch eine Gewerbesteuer von rund neun Prozent, während der Durchschnitt in deutschen Städten bei etwa 15 Prozent liegt.

Das Geschäftsprinzip ist einfach: Wo Unternehmen weniger Steuern zahlen, bleibt mehr Gewinn übrig. Ein legaler Anreiz, den viele Firmen nutzen. Und doch: In Lohmen hat dieser Anreiz ein Ausmaß angenommen, das nun bundesweit Aufmerksamkeit erregt.

Adresse Dorfstraße 20a: Der Hotspot deutscher Firmenkonstrukte

Recherchen aus Handelsregisterdaten enthüllen, wie ungewöhnlich die Situation ist. Unter der Adresse Dorfstraße 20a sind über 200 Unternehmen gemeldet – nahezu alle Teil des weit verzweigten Firmengeflechts der UKA-Gruppe (Umweltgerechte Kraftanlagen), einem der größten Projektierer für Wind- und Solarparks in Deutschland.

Die genannten Firmen umfassen:

  • Projektgesellschaften für einzelne Windparks

  • Verwaltungsgesellschaften

  • Standortentwicklungsfirmen

  • Holdings und Beteiligungsgesellschaften

Viele dieser Gesellschaften existieren nur auf dem Papier, andere verwalten Millionenprojekte in der Energiebranche. Tatsächlich arbeiten vor Ort lediglich rund 40 Beschäftigte. Laut UKA sei die Struktur absolut üblich: Für jedes Energieprojekt wird eine eigene Gesellschaft gegründet, um Haftung, Finanzierung und steuerliche Behandlung sauber zu trennen.

Zwischen Steueroptimierung und möglicher Manipulation

Während UKA beteuert, branchenkonform zu handeln, sehen Steuerexperten die Entwicklung kritisch. Denn die wirtschaftlichen Aktivitäten vieler Projektgesellschaften finden nicht in Lohmen statt, sondern in anderen Regionen Deutschlands – oft weit entfernt.

Christoph Trautvetter vom Netzwerk Steuergerechtigkeit sagt:

„Wenn Gewinne künstlich in Gemeinden mit niedrigen Steuersätzen verschoben werden, kann das den Tatbestand der Steuerhinterziehung erfüllen. Das ist eindeutig illegal – aber schwer nachzuweisen.“

Trautvetters Einschätzung trifft einen wunden Punkt: Die deutsche Gewerbesteuer ist standortgebunden. Wird ein Unternehmen an einem Ort registriert, der niedrige Steuern erhebt, können dort Gewinne verbucht werden, obwohl die tatsächlichen wirtschaftlichen Leistungen anderswo stattfinden.

Behörden stehen vor einem strukturellen Problem

Für viele Steuerbehörden ist diese Art von Steueroptimierung schwer zu durchschauen. Denn:

  • Jede Tochterfirma ist formal eigenständig.

  • Jede Bilanz muss einzeln geprüft werden.

  • Gewinne können innerhalb eines Konzerns verlagert werden.

  • Gemeinden mit niedrigen Hebesätzen haben oft wenig Personal für Gewerbesteuerprüfungen.

Hinzu kommt ein rechtlicher Graubereich: Steueroptimierung ist nicht grundsätzlich verboten – solange tatsächliche Substanz vorliegt. Doch wann ist ein Firmenstandort real, und wann ist er nur eine Briefkastenadresse?

Ein Problem, das nicht nur Lohmen betrifft, sondern laut den Recherchen von FragDenStaat und ZDF Magazin Royale gleich 37 Gemeinden bundesweit.

Die Debatte um Lohmen: Gewinner, Verlierer, offene Fragen

Während Lohmen offiziell davon profitiert – jede angesiedelte Gesellschaft bringt Gewerbesteuereinnahmen – entstehen andernorts Einnahmelücken. Städte und Kreise, in denen die Windparks tatsächlich stehen, erhalten weniger Steuern, obwohl die Infrastruktur dort belastet wird.

Der Fall wirft grundsätzliche Fragen auf:

  • Sollten Gemeinden weiterhin völlig frei über den Gewerbesteuerhebesatz entscheiden?

  • Müssen Kriterien geschaffen werden, die echte wirtschaftliche Aktivität nachweisen?

  • Wie verhindert man, dass Steuerwettbewerb in Deutschland zu einem „Race to the Bottom“ führt?

Lohmen als Blaupause für eine neue Art der Steueroptimierung?

Der kleine Ort hat ungewollt Symbolcharakter bekommen. Er zeigt, wie leicht es Firmen gelingt, durch komplexe gesellschaftsrechtliche Konstruktionen ihre Steuerlast zu senken – und wie schwer es Behörden fällt, diese Konstrukte wirksam zu kontrollieren.

Ob Lohmen ein Einzelfall bleibt oder ein Modell für andere Gemeinden wird, hängt auch von der politischen Reaktion ab. Fest steht: Die unauffällige Dorfstraße 20a hat die Diskussion über Steuergerechtigkeit in Deutschland neu entfacht.

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