Das britische Raumfahrtunternehmen Space Forge mit Sitz in Cardiff arbeitet an einer ungewöhnlichen Vision: einer Fabrik im All. Ziel ist es, besonders hochwertige Kristallstrukturen für Halbleiter herzustellen, die auf der Erde unter anderem in Quantencomputern, KI-Rechenzentren, Telekommunikationsnetzen und Verteidigungssystemen eingesetzt werden sollen.
Im Juni 2025 brachte das Unternehmen seinen ersten Demonstrationssatelliten „ForgeStar-1“ mit einer Rakete von SpaceX in den Orbit. An Bord des etwa mikrowellengroßen Systems gelang es, Plasma mit Temperaturen von rund 1.000 Grad Celsius zu erzeugen – eine zentrale Voraussetzung für die spätere Kristallproduktion unter Weltraumbedingungen.
Nach Angaben von Space-Forge-Mitgründer Joshua Western bietet die Mikrogravitation entscheidende Vorteile: Atome ordnen sich gleichmäßiger an, Verunreinigungen treten seltener auf als in irdischen Produktionsumgebungen. Dadurch könnten Halbleiterkristalle entstehen, die um ein Vielfaches reiner sind als herkömmliche Materialien. Eine höhere strukturelle Ordnung und geringere Defekte versprechen deutlich effizientere und leistungsfähigere Chips, insbesondere für Anwendungen mit hoher Energie- und Leistungsdichte.
Noch dient „ForgeStar-1“ vor allem dem Nachweis der technischen Machbarkeit. Innerhalb von zwei Jahren will das Unternehmen ein kommerzielles Produktionssystem in den Orbit bringen. Künftige „Fabriken“ sollen etwa die Größe einer großen Waschmaschine haben, rund 100 Kilogramm wiegen und innerhalb weniger Wochen Material für Millionen Halbleiter liefern können.
Der Markt erscheint vielversprechend: Laut Analysen von Deloitte wuchs der weltweite Halbleitermarkt 2025 um 22 Prozent und könnte bis 2027 ein Volumen von einer Billion US-Dollar erreichen – befeuert vor allem durch den Ausbau von KI-Infrastruktur. Gerade für Hochleistungsanwendungen steigt der Bedarf an extrem reinen Materialien.
Gleichwohl sind die Hürden erheblich. Neben technischen Herausforderungen – insbesondere dem sicheren und regelmäßigen Rücktransport der Produkte – spielen regulatorische Fragen eine zentrale Rolle. Da der Weltraum keiner nationalen Souveränität unterliegt, ist etwa unklar, wie im All produzierte Materialien steuerlich zu behandeln sind. Hinzu kommen langwierige Genehmigungsverfahren: Während der Bau von „ForgeStar-1“ nur wenige Wochen dauerte, zog sich die Lizenzierung über Jahre hin.
Für den Rücktransport entwickelt Space Forge einen neuartigen Hitzeschild, der sich beim Wiedereintritt in die Atmosphäre entfaltet und das System kontrolliert zur Erde „schweben“ lässt. Perspektivisch setzt das Unternehmen darauf, dass mit zunehmender Zahl kommerzieller Raketenstarts auch regelmäßige Rückflüge wirtschaftlich darstellbar werden.
Rund 30 Millionen US-Dollar Kapital, unter anderem vom NATO Innovation Fund, hat Space Forge bislang eingeworben. Ob sich die Produktion im All wirtschaftlich durchsetzen kann, bleibt offen. Ökonomen verweisen darauf, dass eine breite kommerzielle Nutzung vermutlich noch Jahre entfernt ist. Sinkende Startkosten und technologische Fortschritte könnten jedoch dazu führen, dass bestimmte Hochwertmaterialien künftig tatsächlich jenseits der Erde gefertigt werden.
Langfristig hofft das Unternehmen, dass weltraumbasierte Fertigung zur Selbstverständlichkeit wird – und der Einsatz eines „Space-Chips“ in Smartphone oder Laptop irgendwann kaum noch Aufmerksamkeit erregt.
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