Jahrelang fragten sich Anleger, ob der KI-Boom nur eine spekulative Blase sei. Inzwischen treibt sie eine neue Sorge um: Was, wenn der Hype real ist – und künstliche Intelligenz klassische Software überflüssig macht?
Der Begriff „SaaS-pocalypse“ beschreibt den jüngsten massiven Kursverfall bei Software-as-a-Service-(SaaS)-Unternehmen. Dahinter steckt die These, dass hochentwickelte KI-Modelle viele Spezialprogramme ersetzen könnten. Warum teure Buchhaltungs-, Analyse- oder Projektmanagement-Tools abonnieren, wenn Systeme wie ChatGPT, Claude oder Gemini komplexe Aufgaben per natürlicher Sprache erledigen?
Milliardenverluste bei Tech-Lieblingen
In den USA brachen beispielsweise die Papiere von Atlassian seit Jahresbeginn massiv ein – mit spürbaren Vermögenseinbußen für die Gründer, in Australien die Aktien von Xero und WiseTech Global.
Auslöser der neuen Nervosität waren unter anderem Produktupdates des US-KI-Unternehmens Anthropic, die es Nutzern erlauben, komplexe Computeraufgaben per Sprachbefehl zu steuern. Das gilt als potenziell zerstörerisch für SaaS-Anbieter, deren Geschäftsmodell oft auf kostenpflichtigen Nutzerlizenzen („per seat“) basiert. Wenn dank KI eine Person die Arbeit von zwei erledigt, sinkt die Zahl der bezahlten Zugänge.
Übertriebene Panik – oder reale Gefahr?
Einige Analysten sprechen von einer überstürzten Reaktion der Märkte. Entscheidend sei, welche Unternehmen über sogenannte „ökonomische Burggräben“ verfügen – etwa exklusive Daten, komplexe Systeme oder Plattformen, die viele Akteure vernetzen. Solche Anbieter könnten KI integrieren und sogar profitieren.
Andere warnen jedoch davor, die Umwälzungen zu unterschätzen. Wie einst Digitalkameras Kodak verdrängten oder Touchscreens Blackberry, könnten KI-Tools bestimmte Softwarelösungen tatsächlich obsolet machen. Gewinner und Verlierer dürften sich erst in den kommenden Jahren klar herauskristallisieren.
Märkte im Narrativ-Modus
Die Debatte fällt in eine Phase hoher Volatilität, geprägt vom KI-Boom und der zweiten Amtszeit von Donald Trump. An den Börsen dominieren derzeit Erzählungen – vom KI-Superzyklus bis zur Angst vor Handelskonflikten.
Paradox erscheint: Während manche Investoren vor einer überzogenen KI-Blase warnen, verkaufen andere Softwareaktien aus Furcht vor zu mächtiger KI. Die Märkte scheinen gleichzeitig Angst vor „zu wenig“ und „zu viel“ KI zu haben.
Langfristig dürfte sich zeigen, wie Unternehmen in einer KI-geprägten Wirtschaft bewertet werden – ähnlich wie nach dem Platzen der Dotcom-Blase um die Jahrtausendwende. Bis dahin bleibt die „SaaS-pocalypse“ vor allem eines: ein Symptom großer Unsicherheit im Tech-Sektor.
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