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Sie verbrachte 16 Stunden auf Instagram – jetzt soll eine Jury entscheiden, ob Meta daran schuld ist

qimono (CC0), Pixabay
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Ein aufsehenerregender Prozess in Los Angeles könnte weitreichende Folgen für Meta, Google und andere Social-Media-Konzerne haben. Im Mittelpunkt steht die junge Klägerin Kaley, die nach eigenen Angaben als Kind und Jugendliche stundenlang auf Plattformen wie Instagram und YouTube unterwegs war an einem Tag sogar 16 Stunden lang. Nun soll eine Jury klären, ob die Plattformen mitverantwortlich für ihre psychischen Probleme sind.

Kaley, die aus Datenschutzgründen nur mit Vornamen oder Initialen genannt wird, sagte vor Gericht aus, dass sie Instagram praktisch ständig genutzt habe: Sie schaute in die App, bis sie einschlief, wachte nachts auf, um Benachrichtigungen zu prüfen, und öffnete die Plattform direkt nach dem Aufstehen.

„Ich habe mich von meiner Familie zurückgezogen, weil ich meine ganze Zeit in den sozialen Medien verbracht habe“, erklärte sie den Geschworenen.

Ein Musterprozess mit Signalwirkung

Der Fall gilt als erster großer Testprozess von mehr als 2.000 ähnlichen Klagen in den USA. Diese werfen Social-Media-Unternehmen vor, sie hätten junge Nutzer gezielt an ihre Plattformen gebunden und dadurch deren psychische Gesundheit geschädigt.

Ursprünglich richtete sich Kaleys Klage auch gegen TikTok und Snapchat. Diese Unternehmen einigten sich jedoch außergerichtlich. Im Verfahren in Los Angeles stehen nun vor allem Meta (Instagram, Facebook, WhatsApp) und Google (YouTube) im Fokus.

Juristen, Elterninitiativen und Verbraucherschützer verfolgen den fünf Wochen dauernden Prozess aufmerksam. Denn das Urteil könnte die Grundlage für zahlreiche weitere Klagen schaffen.

Eltern sehen Social Media als Mitursache für Tragödien

Unter den Zuhörern im Gerichtssaal sind auch Eltern, die selbst kein Teil des Verfahrens sind, aber ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

So berichtete Lori Schott, dass ihre Tochter Annalee sich mit 18 Jahren das Leben nahm. Schott ist überzeugt, dass Instagram ihre Tochter mit psychisch belastenden Inhalten konfrontierte obwohl Meta nach ihrer Ansicht gewusst habe, welche Folgen solche Inhalte für Jugendliche haben können.

„Sie haben ihre Forschungsergebnisse verborgen. Sie wussten, dass es süchtig macht. Und sie haben uns ein falsches Gefühl von Sicherheit gegeben“, sagte Schott.

Auch Aaron Ping verfolgt den Prozess genau. Sein Sohn Avery nahm sich mit 16 Jahren das Leben. Ping schilderte, wie der einst lebensfrohe Junge zunehmend in Konflikte über seine Nutzung von YouTube geriet. Sogar gemeinsam mit Schulberatern sei ein Plan zur Bildschirmzeit erstellt worden.

Kaley nutzte YouTube mit sechs Instagram mit neun

Vor Gericht erklärte Kaley, dass sie bereits mit sechs Jahren YouTube nutzte und mit neun Jahren Instagram. Dabei betont Meta offiziell, dass Nutzer unter 13 Jahren keinen Zugang zu den eigenen Plattformen haben sollen. Auch YouTube bietet mit YouTube Kids spezielle Kinderangebote an.

Kaley sagte aus, dass sie auf beiden Plattformen zahlreiche Accounts erstellt habe, um möglichst viele Likes und Reaktionen zu erhalten. Auf Instagram postete sie Selfies, auf YouTube Gesangsvideos. Sie habe Bestätigung und Anerkennung gesucht.

Mit der Zeit verbrachte sie immer mehr Stunden mit Scrollen und Videoschauen. Sie ging weniger nach draußen, zog sich aus dem realen Leben zurück und hatte zunehmend Schwierigkeiten im direkten Kontakt mit anderen Menschen.

Angst, Depressionen und ein verzerrtes Körperbild

Nach eigenen Angaben spürte Kaley bereits im Alter von etwa zehn Jahren erstmals Symptome von Angst und Depressionen. Jahre später wurden diese durch eine Therapeutin diagnostiziert.

Zudem begann sie, sich stark mit ihrem Aussehen zu beschäftigen. Schon als Kind nutzte sie Instagram-Filter, die ihr Gesicht veränderten kleinere Nase, größere Augen, Make-up-Effekte.

Später wurde bei ihr eine Körperdysmorphe Störung festgestellt eine psychische Erkrankung, bei der Betroffene ihr eigenes Aussehen verzerrt wahrnehmen und sich übermäßig mit vermeintlichen Makeln beschäftigen.

Auf die Frage ihres Anwalts, ob sie solche Gefühle bereits vor der Nutzung sozialer Medien gehabt habe, antwortete Kaley knapp:
„Nein.“

Die zentrale Frage: problematische Nutzung oder echte Abhängigkeit?

Im Kern des Verfahrens geht es um zwei Fragen:

  1. War Kaleys Nutzung sozialer Medien suchtartig?

  2. Wurden Plattformen wie Instagram absichtlich so gestaltet, dass sie junge Menschen abhängig machen?

Sollte die Jury dies bejahen, könnte sie zu dem Schluss kommen, dass Meta oder Google jungen Nutzern wie Kaley gegenüber eine besondere Verantwortung tragen.

Doch genau hier liegt auch die juristische Schwierigkeit: Eine offizielle medizinische Diagnose „Social-Media-Sucht“ existiert bislang nicht in klar anerkannter Form.

Das nutzte Meta vor Gericht aus. Eine Therapeutin, die Kaley behandelt hatte, räumte ein, dass sie bei ihr keine formale Abhängigkeit von sozialen Medien diagnostiziert habe.

Instagram-Chef: 16 Stunden Nutzung seien „problematisch“, aber keine Sucht

Für besonderes Aufsehen sorgte die Aussage von Adam Mosseri, dem Chef von Instagram. Er sagte vor Gericht, selbst eine Nutzung von 16 Stunden an einem Tag halte er nicht zwingend für eine Sucht. Er bezeichnete ein solches Verhalten stattdessen lediglich als „problematisch“.

Diese Aussage dürfte bei vielen Beobachtern auf Unverständnis stoßen gerade in einem Verfahren, in dem es genau um die mögliche manipulative Wirkung von Plattformdesign geht.

Mark Zuckerberg sagt persönlich aus

Auch Meta-Chef Mark Zuckerberg erschien persönlich vor Gericht ein ungewöhnlicher Schritt, der zeigt, wie brisant der Fall ist. Es war laut Berichten das erste Mal, dass er in einem solchen Verfahren selbst vor einer Jury aussagte.

Zuckerberg betonte mehrfach, dass Meta schon immer die Regel gehabt habe, Kinder unter 13 Jahren von den Plattformen auszuschließen. Auf interne Dokumente angesprochen, in denen Meta-Verantwortliche über Millionen minderjährige Nutzer diskutierten und deren Nutzung teils sogar fördern wollten, reagierte er gereizt.

„Ich verstehe nicht, warum das so kompliziert ist“, sagte Zuckerberg laut Prozessberichten.
„Es war immer unsere klare Richtlinie, dass sie nicht erlaubt sind, und wir versuchen, sie zu entfernen. Wir sind nicht perfekt.“

Als Kaleys Anwalt Mark Lanier entgegnete, dass auch Sucht zu mehr Nutzung führe ähnlich wie der von Zuckerberg beschriebene Wunsch, „nützliche“ Plattformen zu bauen, die natürlich öfter genutzt würden wirkte Zuckerberg kurz ratlos.

„Ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll“, sagte er.
„Das mag stimmen, aber ich weiß nicht, ob das hier zutrifft. Ich versuche, einen Dienst aufzubauen.“

Meta macht das Elternhaus verantwortlich

Meta weist jede direkte Verantwortung für Kaleys psychische Probleme zurück. Nach Ansicht des Konzerns liegen die Ursachen vielmehr in ihrem persönlichen Umfeld und ihrer familiären Situation.

Im Prozess verwiesen die Anwälte des Unternehmens auf Kaleys schwierige Kindheit. Sie präsentierten unter anderem Inhalte aus ihren eigenen Social-Media-Posts, die auf ein instabiles Elternhaus, Kritik an ihrem Aussehen sowie emotionale, verbale und teilweise körperliche Belastungen hindeuteten.

Die zentrale Verteidigungslinie lautet: Selbst wenn Kaley soziale Medien intensiv genutzt habe, sei nicht eindeutig nachweisbar, dass genau diese Nutzung ihre psychischen Probleme verursacht habe.

Juristisch geht es dabei um den sogenannten „But-for-Test“:
Wäre der Schaden auch ohne das Verhalten des beklagten Unternehmens eingetreten, kann das Unternehmen rechtlich nicht verantwortlich gemacht werden.

Ein Urteil mit Folgen für die gesamte Branche

Sollte die Jury Kaley Recht geben, könnte das die bisherige Rechtslage massiv verändern. Bisher wurden Plattformen oft als neutrale technische Dienste betrachtet, die Inhalte lediglich bereitstellen. Ein Schuldspruch würde dieses Verständnis erschüttern.

Zugleich könnte ein solches Urteil:

  • den Weg für hohe Schadensersatzzahlungen ebnen,

  • tausende weitere Klagen beeinflussen,

  • und den politischen Druck auf große Tech-Konzerne weiter erhöhen.

Selbst wenn Meta und Google in diesem Einzelfall nicht haftbar gemacht werden, wächst der gesellschaftliche Druck bereits seit Jahren. Immer mehr Eltern, Schulen und Regierungen sehen in sozialen Medien eine Gefahr für Kinder und Jugendliche etwa wegen:

  • unrealistischer Schönheitsideale,

  • psychisch belastender Inhalte,

  • sexueller Anbahnung durch Fremde,

  • exzessiver Bildschirmzeit,

  • und wachsender psychischer Belastungen bis hin zu Suizidgedanken.

Kaley heute: ein stabileres Leben aber Social Media bleibt Teil ihres Alltags

Heute, so sagte Kaley vor Gericht, habe sie ein gutes Verhältnis zu ihrer Mutter. Sie arbeite und gehe gleichzeitig zur Schule.

Social Media nutzt sie weiterhin sie erklärte sogar, dass sie sich eine Karriere im Bereich Social-Media-Management vorstellen könne.

Doch auf die entscheidende Frage, ob ihr Leben besser verlaufen wäre, wenn sie Plattformen wie Instagram nie genutzt hätte, fiel ihre Antwort eindeutig aus.

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